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Marwan Abou Taam

Zwischen Rivalität und Eskalation

Israel und die Türkei im sich verschärfenden geopolitischen Machtkampf des Nahen Ostens

Der Beitrag untersucht die sich verschärfende Rivalität zwischen Israel und der Türkei als strukturellen Konflikt um die künftige Ordnung des Nahen Ostens. Ausgangspunkt ist der Wandel von der engen strategischen Partnerschaft der 1990er Jahre zu einer wechselseitigen Delegitimierung, die durch den politischen Islam der AKP-geführten Türkei und die nationalreligiöse Rechte in Israels Regierungskoalition verstärkt wird. Analysiert werden militärtechnische, diplomatisch-rhetorische, geökonomische und sicherheitspolitische Konfliktlinien: der Streit um eine mögliche Rückkehr der Türkei in das F-35-Programm, die Frage türkischer Truppen in Gaza, die Konkurrenz um Handels- und Energiekorridore sowie die wachsende Reibung in Syrien und im östlichen Mittelmeer. Besondere Bedeutung erhält die türkische NATO-Mitgliedschaft, die eine direkte Konfrontation politisch weitaus folgenreicher machen würde als frühere israelische Konflikte. Der Beitrag ordnet zudem das türkisch-saudisch-pakistanische Sicherheitsgefüge und Netanyahus Gegenentwurf einer regionalen Allianz als konkurrierende Ordnungsmodelle ein. Er zeigt, dass die USA zwischen der traditionellen Bindung an Israels militärische Überlegenheit und einer stärkeren Einbindung Ankaras in eine regionale Eindämmungsstrategie gegenüber Iran stehen. Eine unmittelbare militärische Eskalation erscheint zwar weiterhin unwahrscheinlich; Syrien bleibt jedoch die wahrscheinlichste indirekte Konfliktarena.

Lesezeit: 40 Minuten
 © Marwan Abou Taam, September 2026. Alle Rechte vorbehalten.

Zwischen Israel und der Türkei bahnt sich seit dem Gaza-Krieg eine strukturelle Konfrontation an, deren Konturen sich derzeit auf mehreren Ebenen parallel verdichten: einer militärtechnischen, einer rhetorisch-diplomatischen, einer geoökonomischen sowie einer sicherheitspolitisch-strukturellen. Die NATO-Mitgliedschaft der Türkei erzeugt eine völlig andere Eskalationsarchitektur als frühere israelische Konfliktkonstellationen.

Vom strategischen Bündnis zur Systemrivalität: die historische Genese der Entfremdung

Die gegenwärtige Konfrontation lässt sich nicht angemessen verstehen, ohne den historischen Bruch zu berücksichtigen, der ihr vorausging. Die Türkei erkannte 1949 als erstes mehrheitlich muslimisches Land den Staat Israel an; in den 1990er Jahren, im Windschatten des israelisch-palästinensischen Osloer Friedensprozesses, entwickelte sich daraus eine enge strategische Partnerschaft. 1996 unterzeichneten beide Staaten ein Freihandelsabkommen sowie ein weitreichendes militärisches Kooperationsabkommen, das gemeinsame Manöver, die Modernisierung türkischer F-4- und F-5-Kampfjets durch israelische Rüstungsunternehmen, geheimdienstlichen Austausch sowie Trainingsflüge israelischer Piloten im türkischen Luftraum umfasste. Die Türkei vermittelte in dieser Phase wiederholt zwischen Israel und der arabischen Welt und trat innerhalb der Organisation für Islamische Zusammenarbeit als Fürsprecherin Israels auf.

Der Bruch mit dieser Partnerschaft vollzog sich graduell und ist eng mit dem Machtantritt der AKP unter Erdoğan 2002 verknüpft. Mit dem Aufstieg des politischen Islam als Leitideologie der türkischen Außenpolitik verschob sich die außenpolitische Programmatik Ankaras: Die Palästina-Frage rückte ins Zentrum der türkischen Identitätspolitik, öffentliche Kritik an Israel wuchs kontinuierlich. Symbolisch verdichtete sich dieser Wandel 2009 in der sogenannten „Davos-Krise“, als Erdoğan im Streit mit Staatspräsident Peres das Podium wütend verließ und in der Türkei als Held empfangen wurde, ohne dass dies zunächst die Rüstungsgeschäfte beendete – Ankara erwarb im Anschluss noch israelische Heron-Drohnen im Wert von rund 188 Millionen Dollar. Der eigentliche Bruch erfolgte erst 2010 mit der gewaltsamen Erstürmung der Mavi Marmara durch die israelische Marine, bei der neun türkische Staatsbürger getötet wurden: Ankara wies daraufhin den israelischen Botschafter aus und setzte sämtliche bilateralen Militärabkommen aus.

Parallel zu dieser Entwicklung auf türkischer Seite vollzog sich in Israel eine eigene innenpolitische Verschiebung, die eine dauerhafte Wiederannäherung zusätzlich erschwerte. Nach der 2016 erzielten Entschädigungseinigung um die Mavi-Marmara-Opfer gelang 2022 zunächst eine vorsichtige diplomatische Normalisierung, sichtbar im ersten Besuch eines israelischen Staatsoberhaupts in der Türkei seit 15 Jahren. Die seit den Wahlen 2022 in der israelischen Regierungskoalition verankerte Beteiligung der als rechtsextrem eingestuften Politiker Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich verhärtete jedoch zugleich den öffentlichen Diskurs, eine Entwicklung, die sich nach dem 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gaza-Krieg weiter zuspitzte. Beide Minister, gegen die unter anderem Großbritannien, Kanada, Australien und Norwegen 2025 Sanktionen wegen Aufrufs zu „extremistischer Gewalt und schwerwiegenden Verstößen gegen die Menschenrechte“ verhängten, prägten Kriegsführung und Siedlungspolitik maßgeblich mit und lieferten Ankara fortlaufend Anknüpfungspunkte für die Charakterisierung Israels als von einer radikalisierten politischen Rechten getriebener Akteur.

Aus zwei einst komplementären innenpolitischen Dynamiken – dem Erstarken des politischen Islam als Leitideologie der türkischen Außenpolitik einerseits, der Konsolidierung einer national-religiösen Rechten in der israelischen Regierungskoalition andererseits – ist eine wechselseitige Delegitimierung erwachsen, die strukturell über die aktuelle Gaza-Krise hinausweist. Was in den 1990er Jahren als geopolitisch komplementäre Zweckallianz zweier regionaler Mittelmächte funktionierte, hat sich zu einem Systemkonflikt zweier politischer Projekte entwickelt, die einander zunehmend als zivilisatorische Bedrohung begreifen – eine Verschiebung, die den heute nahezu deklarierten Gegnerschaftscharakter der Beziehung erklärt und den analytischen Rahmen für die im Folgenden beschriebene Eskalationsdynamik bildet.

Der Streit um F-35-Kampfjets als unmittelbarer Anlass vor dem NATO-Gipfel in Ankara

 

Den tagesaktuellen Ausgangspunkt der Eskalation bildet NATO-Gipfel in Ankara. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nutzte im Vorfeld einen Fox-News-Auftritt, um öffentlich gegen eine mögliche Wiederaufnahme der Türkei in das F-35-Programm sowie gegen die Lieferung von F-110-Triebwerken für die türkische Eigenentwicklung eines Tarnkappenjets zu votieren.[1] Ankara war seit 2019 wegen der Beschaffung des russischen Flugabwehrsystems S-400 von dem Programm ausgeschlossen; Trump hatte jedoch wiederholt Bereitschaft signalisiert, diese Entscheidung zu revidieren, zuletzt mit der Andeutung, er werde Erdoğan anlässlich des Gipfels „etwas mitbringen, das ihn sehr glücklich machen wird“.[2]

 

Netanyahus Argumentation stützt sich auf zwei Ebenen: erstens eine machtpolitisch-strukturelle These, wonach regionale Sicherheit auf israelischer Luftüberlegenheit und amerikanischer Militärpräsenz beruhe und durch eine Aufrüstung der Türkei „aus dem Gleichgewicht“ geriete; zweitens eine ideologisch-personalisierte Zuschreibung, in der Erdoğan als von der Muslimbruderschaft „infiziert“ und als Bedrohung für Zypern, Griechenland und Jerusalem charakterisiert wird. Auffällig ist der explizit öffentliche, mediale Charakter dieser Intervention. Sie erfolgt nicht über diplomatische Kanäle, sondern über eine amerikanische Kabelnachrichtensendung, unmittelbar vor einem NATO-Gipfel auf türkischem Boden, ein Umstand, der selbst als Teil der Eskalationsdynamik zu lesen ist, da er Ankara öffentlich brüskiert, bevor Trump überhaupt eine Entscheidung getroffen hat.

Netanyahu reagiert zunehmend unwillig auf die wachsende persönliche Nähe zwischen Trump und Erdoğan sowie auf die Bereitschaft Washingtons, in der Syrien-Frage mit Ankara zu kooperieren. Besonders irritiert ihn, dass Trump wiederholt den Sturz des Assad-Regimes Erdoğan zuschreibe, während Netanyahu diesen Umbruch primär auf die israelischen Schläge gegen die Hisbollah zurückführe. Vor diesem Hintergrund werde die mögliche Wiederbelebung des F-35-Geschäfts mit der Türkei in israelischen Sicherheitskreisen mit wachsender Sorge beobachtet.

Der Ausgang bestätigte Netanyahus Befürchtungen. Beim Gipfel selbst kündigte Trump neben Erdoğan an, die CAATSA-Sanktionen aufzuheben („Wir wollen keine Freunde sanktionieren“), und stellte eine Entscheidung über die F-35 in Aussicht; Erdoğan erinnerte öffentlich an fünf bereits vor 2019 bezahlte, aber nie ausgelieferte Maschinen. Ende Juli wurde die Kluft zwischen beiden Verbündeten vollends sichtbar, als Trump auf die Frage nach Netanyahus Widerstand knapp erwiderte, niemand schreibe ihm vor, was verkauft werde, und die Türkei sei „ein außergewöhnlicher Verbündeter“ gewesen. Juristisch bleibt die Lieferung gleichwohl blockiert: Sowohl CAATSA als auch der National Defense Authorization Act für das Haushaltsjahr 2020 untersagen eine Übergabe, solange die S-400-Systeme nicht nachweislich außer Betrieb sind, und ein überparteilicher Abgeordnetenbrief warnte vor einem falschen Signal an alle Staaten, die russische Rüstungsgüter erwägen. Politisch ist der Vorgang dennoch bedeutsam: Trump hat erstmals öffentlich und ohne diplomatische Rücksicht gegen eine ausdrückliche israelische Forderung optiert, ein Novum in der amerikanisch-israelischen Beziehungsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte.

Rhetorische Eskalation: Erdoğans Positionierung und die türkisch-pakistanische Achse

Auf türkischer Seite zeigt sich eine spiegelbildliche rhetorische Zuspitzung. Bei einem Treffen mit dem pakistanischen Ministerpräsidenten Shehbaz Sharif in Istanbul warf Erdoğan der israelischen Regierung vor, den zwischen Washington und Teheran unter pakistanisch-katarischer Vermittlung erzielten „Islamabad-Vereinbarung“ genannten Deeskalationsschritt aktiv sabotieren zu wollen, und forderte, der gegenwärtigen israelischen Regierung dürfe nicht erlaubt werden, „erneut den Geruch von Schießpulver und Blut in unserer Region zu verbreiten“. Diese Wortwahl reiht sich in eine längere Serie öffentlicher Erdoğan-Äußerungen ein, die Israel als primären Destabilisierungsfaktor der Region framen.

Politisch bedeutsam ist der Kontext dieser Äußerung: Sie fiel im Rahmen eines türkisch-pakistanischen Wirtschaftsforums, das daneben auf handfeste wirtschaftliche Vertiefung (Investitionen, Kooperation in Energie, Rüstung und Technologie) zielte. Die Verknüpfung von sicherheitspolitischer Rhetorik gegen Israel mit wirtschaftlicher und militärtechnischer Vertiefung der türkisch-pakistanischen Beziehungen ist strukturell relevant, weil Pakistan als Nuklearmacht der Türkei eine strategische Rückendeckung verleiht, die anderen regionalen Akteuren fehlt. Gemeinsame Militärübungen (etwa „Atatürk“, „Anatolian Eagle“, „Indus Shield“) sowie die Lieferung türkischer Rüstungsgüter (etwa Bayraktar-Drohnen und MILGEM-Fregatten) an Pakistan sind Vorzeichen eines Bündnisses, das im Eskalationsfall eine andere Dimension als frühere israelische Konfliktparteien erzeuge.[3]

 

Hakan Fidan als Symbolfigur und die Armenien-Anerkennung

Ein weiteres, in der öffentlichen Wahrnehmung bislang unterbelichtetes Element betrifft die Personalisierung des Konflikts auf türkischer Seite. So  gilt der türkische Außenminister Hakan Fidan, ehemaliger Leiter des türkischen Nachrichtendienstes MIT, innerhalb der israelischen Sicherheitsestablishment als „gefährlichster Mann für Israel in der Region“. Fidan selbst wirft Israel im Gegenzug vor, gezielt auf die Destabilisierung der Region hinzuarbeiten, während Erdoğan seine Vorwürfe eines „Völkermords“ in Gaza aufrechterhält und die israelischen Operationen in Syrien und Libanon als unmittelbare Bedrohung der türkischen nationalen Sicherheit einstuft.[4]

Als zusätzlicher Eskalationsschritt wird in diesem Zusammenhang die israelische Anerkennung des Völkermords an den Armeniern am 28. Juni 2026 gewertet, die von türkischer Seite als politisch motivierter Affront gegen Ankara gelesen wurde.[5] Die Nahost-Expertin Aslı Aydıntaşbaş von der Brookings Institution wird mit der Einschätzung zitiert, türkische Entscheidungsträger betrachteten Israel inzwischen als Hindernis für nahezu sämtliche regionalpolitischen Vorhaben Ankaras.[6] Sie verweist zudem auf eine innenpolitische Funktionslogik der beiderseitigen Eskalationsrhetorik: Netanyahu bediene sich vor dem Hintergrund bevorstehender Wahlen eines Narrativs des „belagerten Israel“, während Erdoğan angesichts wirtschaftlichen Drucks und möglicher vorgezogener Neuwahlen von der Mobilisierungswirkung eines externen Gegners profitiere.

Diese wechselseitige innenpolitische Funktionslogik lässt sich inzwischen präziser datieren und quantifizieren. Die israelische Parlamentswahl ist für den 27. Oktober 2026 angesetzt; Umfragen zeichnen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in dem weder das Netanyahu-Lager noch die von Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot angeführte Opposition die für eine Regierungsbildung nötigen 61 Sitze erreicht, während das Vertrauen in Netanyahu selbst zuletzt bei nur rund einem Drittel der Bevölkerung lag.[7] Auf türkischer Seite belastet eine anhaltende Wirtschaftskrise mit einer offiziellen Inflationsrate von zeitweise über 30 Prozent, einer strukturell schwachen Lira und einem seit der Verhaftung des Istanbuler Oppositionsbürgermeisters Ekrem İmamoğlu im März 2025 verschärften innenpolitischen Klima Erdoğans Handlungsspielraum, was die außenpolitische Mobilisierung gegen einen externen Gegner für ihn zusätzlich attraktiv macht. Beide Regierungschefs stehen damit unter einem strukturell ähnlichen Anreiz, den Konflikt mit dem jeweils anderen Staat rhetorisch offenzuhalten, auch wenn dies der eigenen sicherheitspolitischen Kalkulation im Einzelfall zuwiderläuft.

Juristische und symbolische Eskalation: Haftbefehl gegen Netanyahu und das Feindbild-Plakat in Tel Aviv

Zu der rhetorischen Zuspitzung ist inzwischen eine juristische Ebene hinzugetreten. Am 14. Juli 2026 erließ das 11. Hohe Strafgericht in Istanbul nationale Haftbefehle gegen Netanyahu sowie – im Rahmen desselben, 35 bzw. 37 Beschuldigte umfassenden Verfahrens – gegen weitere hochrangige israelische Amtsträger, darunter Verteidigungsminister Israel Katz, Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir und Generalstabschef Eyal Zamir.[8] Der türkischen Anklage zufolge sollen sich die Beschuldigten des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der schweren Freiheitsberaubung, der Folter sowie der gewaltsamen Kaperung der Schiffe der „Global Sumud Flotilla“ schuldig gemacht haben; die etwa 430 Aktivisten der Flottille waren im Mai 2026 von der israelischen Marine im Mittelmeer abgefangen, zwangsweise nach Israel gebracht und zeitweise im Gefängnis Ktziot inhaftiert worden.[9] Am 21. August 2026 wies der türkische Justizminister Akin Gürlek das Innenministerium an, bei Interpol eine internationale Fahndungsnotiz („Red Notice“) gegen Netanyahu zu beantragen – ein Schritt, der in Teilen der internationalen Presse verkürzt als „internationaler Haftbefehl“ wiedergegeben wurde, obgleich eine Interpol Red Notice rechtlich keinen eigenständigen internationalen Haftbefehl darstellt, sondern lediglich ein Fahndungsersuchen an die Mitgliedstaaten. Netanyahu reagierte mit der Bezeichnung Erdoğans als „antisemitischer Diktator, der die Kurden massakriert, Hamas-Terroristen Unterschlupf gewährt, die Hälfte Zyperns besetzt und eine Rekordzahl an Journalisten und politischen Gegnern inhaftiert“ habe, und warf ihm vor, seine „Aggression gegen Israel“ nun auf Syrien auszudehnen.[10]

Parallel dazu hat die Personalisierung des Konflikts auch auf israelischer Seite eine neue, öffentlichkeitswirksame Form angenommen. Am 16. August 2026 stellte die Likud-Partei im Vorfeld der für Oktober angesetzten Wahlen eine großformatige Plakatkampagne an der Ayalon-Schnellstraße in Tel Aviv vor, die Erdoğan neben Irans geistlichem Oberhaupt Ayatollah Mojtaba Khamenei, dem Hisbollah-Generalsekretär Naim Kassem sowie dem New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani zeigt, versehen mit der hebräischen Losung „Sie wollen, dass Netanyahu verliert – lasst sie nicht gewinnen“.[11] Netanyahu selbst verbreitete das Motiv über seine Social-Media-Kanäle. Die Einordnung Erdoğans in eine Reihe mit der iranischen Führung und der Hisbollah-Spitze wurde von Beobachtern als bewusste Zuspitzung gewertet, da sie den türkischen Präsidenten damit visuell auf eine Stufe mit Akteuren stellt, gegen die Israel offenen Krieg geführt hat – ein Kontrast zur bislang eher diplomatisch-rhetorischen Auseinandersetzung mit Ankara. Die Aktion fällt in eine Phase, in der israelische Minister wie Amichai Chikli öffentlich die Ausweisung türkischer diplomatischer Vertretungen aus Israel gefordert und Erdoğans Politik als die eines „Feindstaates“ charakterisiert haben.

Der Streit um die Gaza-Stabilisierungstruppe: ein zusätzlicher Riss, auch zwischen Jerusalem und Washington

Eine weitere, bislang unterbelichtete Konfliktebene betrifft die Frage einer türkischen Beteiligung an der im Rahmen des Trump’schen 20-Punkte-Friedensplans vorgesehenen internationalen Stabilisierungstruppe (International Stabilization Force, ISF) für den Gazastreifen. Ankara hatte frühzeitig Bereitschaft signalisiert, ein brigadestarkes Kontingent von rund 2.000 Soldaten – mit Pionier-, Logistik-, Sanitäts- und Kampfmittelräumeinheiten – zu entsenden, und war zugleich als einer der Garantiestaaten des Friedensplans sowie als Gastgeber mehrerer diplomatischer Vorbereitungstreffen (u. a. eines Außenministertreffens mit Katar, Saudi-Arabien, den Emiraten, Jordanien, Pakistan und Indonesien in Istanbul) unmittelbar in den Prozess eingebunden. Israel legte jedoch ein Veto gegen jede türkische Truppenpräsenz in Gaza ein; Außenminister Gideon Sa’ar stellte klar, man habe dies „den Amerikanern klar und deutlich gemacht“, mit Verweis auf Ankaras Nähe zur Hamas. In der Trump-Administration selbst herrscht dazu keine einheitliche Linie: US-Sondergesandter Tom Barrack sprach sich wiederholt für eine türkische Beteiligung aus, da Ankara gemeinsam mit Katar zur Freilassung von Geiseln beigetragen habe, während Außenminister Marco Rubio die Beteiligung jedes Landes an die israelische Zustimmung zur jeweiligen „Nationalität der Truppe“ knüpfte. Der ISF-Streit ist damit mehr als ein weiterer israelisch-türkischer Reibungspunkt; er offenbart eine Bruchlinie zwischen Jerusalem und Teilen der amerikanischen Administration in der Bewertung der türkischen Rolle in der Region.

Die stille Front: Handelskorridore als geoökonomisches Kampffeld

Eine zweite, weniger spektakuläre, aber strukturell möglicherweise gewichtigere Konfliktebene betrifft konkurrierende Handels- und Energiekorridore. Der 2023 auf dem G20-Gipfel vorgestellte India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) verbindet Indien über die Emirate, Saudi-Arabien und Jordanien mit dem Hafen Haifa und weiter mit Europa. Aus israelischer Sicht sollte dieses Projekt Haifa zu einem zentralen westlichen Warenausgangstor machen und die Transportzeiten erheblich verkürzen; eine Perspektive, die durch die Störungen in der Straße von Hormus und im Roten Meer zusätzlich an sicherheitspolitischer Dringlichkeit gewonnen hat.

Dem stellt Ankara mit der Formel „kein Korridor ohne die Türkei“ eigene Projekte entgegen, insbesondere die sogenannte „Entwicklungsstraße“, die den irakischen Hafen Al-Faw über die Türkei mit Europa verbinden soll. Mit der veränderten Lage in Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes gewinnt zudem die Idee einer Wiederbelebung der historischen Hedschas-Bahn an Bedeutung, die einen Landkorridor zwischen der Türkei, Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien ohne Umweg über Israel schaffen würde. Ein Bericht des israelischen Kanal 12 vom 2. Juli 2026 warnte in diesem Zusammenhang (unter Berufung auf die israelische Verkehrsministerin) vor einem „echten strategischen Risiko“, wonach sich Israel infolge seiner Kriegsführung von der globalen Handelskarte abgekoppelt finden könnte, während die Türkei, Syrien und Saudi-Arabien eine Handelsachse unter Umgehung Israels etablieren. Hervorzuheben ist die Einschätzung israelischer Sicherheitsforscher (u. a. am Institute for National Security Studies), wonach der Korridorwettbewerb nicht rein ökonomisch, sondern zugleich ideologisch-geostrategisch motiviert sei. Zudem wird deutlich, dass auch die Golfstaaten (insbesondere Saudi-Arabien und die Emirate) ihre Positionierung nicht ausschließlich an Israel ausrichten, sondern parallele Optionen offenhalten („hedging“), was eine vollständige Blockbildung entlang der Achse Israel–Türkei erschwert.

Die US-Perspektive auf eine sunnitische Ordnungs- und Eindämmungsmacht gegen Iran

Ein Argument, das in der bisherigen Analyse noch unterbelichtet blieb, betrifft die mögliche US-Kalkulation hinter der Bereitschaft, die Türkei militärtechnisch (F-35, F-110-Triebwerke) wieder aufzuwerten: Aus amerikanischer Sicht könnte eine von der mehrheitlich sunnitischen Türkei angeführte Koalition (gemeinsam mit dem nuklear bewaffneten Pakistan) als regionale Ordnungs- und Eindämmungsmacht gegenüber dem schiitisch geprägten Iran fungieren, ohne dass Washington selbst dauerhaft mit eigenen Kräften präsent sein müsste. Diese Lesart würde sowohl die amerikanische Signalbereitschaft gegenüber Ankara als auch die auffällige Gelassenheit erklären, mit der Washington die Vertiefung der türkisch-pakistanischen Rüstungskooperation begleitet.

Seit den amerikanisch-israelischen Angriffen auf Iran am 28. Februar 2026 und der darauffolgenden Sperrung der Straße von Hormus hat sich zwischen der Türkei, Pakistan, Saudi-Arabien und Ägypten (mit Katar als zusätzlichem Partner) ein informelles, nicht formal institutionalisiertes Sicherheitsgefüge herausgebildet. Rechercheergebnisse bestätigen eine dichte Abfolge einschlägiger Gipfeltreffen: ein Außenministertreffen von zwölf arabischen und islamischen Staaten am 18. März 2026 in Riad, das Iran für seine Angriffe auf Golfstaaten, die Türkei und Aserbaidschan verurteilte und zugleich israelische Angriffe auf Libanon kritisierte; Erdoğans Staatsbesuche in Riad und Kairo am 4. und 5. Februar 2026; ein Außenministertreffen der Türkei, Pakistans, Ägyptens und Saudi-Arabiens in Kairo am 21. Juni 2026; sowie ein drittes Konsultationstreffen des Quartetts im Rahmen des Antalya Diplomacy Forum. Grundlage der bilateralen Vertiefung ist unter anderem das im September 2025 geschlossene saudisch-pakistanische Verteidigungsabkommen, das nach dem Prinzip kollektiver Beistandspflicht (in Anlehnung an Artikel 5 der NATO) konzipiert ist und dem Vernehmen nach für eine Aufnahme der Türkei offensteht.[12]

Diese informelle Kooperationsstruktur hat sich inzwischen institutionalisiert. Am 7. August 2026 unterzeichneten Kronprinz Mohammed bin Salman, Erdoğan und Ministerpräsident Sharif in Mekka das „Gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka“, das einen bewaffneten Angriff auf einen der drei Signatarstaaten ausdrücklich als Angriff auf alle drei wertet, in enger Anlehnung an Artikel 5 des NATO-Vertrags.[13] Brisanz erhält der Pakt durch seine nukleare Dimension: Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif hatte bereits im Vorfeld erklärt, das pakistanische Nukleararsenal stehe Saudi-Arabien im Ernstfall „zur Verfügung“, eine Formulierung, die von der Arms Control Association als faktische Ausweitung nuklearer Abschreckung auf das Königreich gewertet wurde, ohne dass der Vertragstext selbst eine nukleare Klausel enthielte.[14] Damit verfügt erstmals ein sunnitisch geführtes Regionalbündnis über eine, wenn auch informelle, nukleare Rückversicherung, was Beobachter bereits von einer „Art sunnitischer NATO“ gegenüber der von Iran geführten

Innerhalb dieses Gefüges tragen die vier Staaten komplementäre Fähigkeiten bei: Pakistan liefert militärische Tiefe und nukleare Abschreckung, Saudi-Arabien finanzielle Stärke und religiöse Legitimität als Hüter der heiligen Stätten, Ägypten die größte arabische Armee sowie die Kontrolle über den Suezkanal, und die Türkei NATO-Mitgliedschaft, eine fortgeschrittene Rüstungsindustrie sowie diplomatische Vermittlungskanäle. Dieser Zusammenschluss verfolgt zwei miteinander verknüpfte Ziele: erstens die Eindämmung der iranischen Bedrohung und die Rückgewinnung von Einfluss in von Iran dominierten Räumen wie Syrien und Libanon; zweitens jedoch ausdrücklich auch die Zurückdrängung israelischer Handlungsspielräume, um den Grenzen israelischer „militärischer Aktionen“ Kontur zu verleihen. Diese doppelte Zielrichtung ist analytisch aufschlussreich: Die zunehmende sicherheitspolitische Verdichtung schafft ein regionales Machtgefüge, dessen Mitglieder zwar unterschiedliche Interessen verfolgen, das jedoch objektiv die Fähigkeit besitzt, israelische Handlungsspielräume einzuschränken, und das von israelischen Akteuren zunehmend auch in dieser Weise wahrgenommen wird.

Die Erweiterung des Bündnisses bleibt dabei nicht auf den sunnitisch-arabischen Raum beschränkt. Nach übereinstimmenden Berichten, unter anderem der Jerusalem Post, wurde auch der Iran zu einem Beitritt zum Mekka-Verteidigungspakt eingeladen; Außenminister Fidan bestätigte, man habe „auch mit den Iranern über diese Fragen gesprochen“, und stellte einen Beitritt Teherans für den Fall in Aussicht, dass der Iran „seine Probleme in der Region gelöst“ habe.[15] Auch Syrien signalisierte Gesprächsbereitschaft: Außenminister Asaad al-Shaibani erklärte im August 2026 in Islamabad, Damaskus erwäge einen Beitritt, wolle sich aber noch nicht festlegen, und wies zugleich jeden Versuch Israels zurück, über die Bündnispolitik Syriens mitzubestimmen. Zurückhaltender zeigen sich dagegen die Golfstaaten der ersten Stunde der Abraham-Abkommen: Die Vereinigten Arabischen Emirate, die 2020 gemeinsam mit Bahrain, Marokko und dem Sudan diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen hatten, sind dem Mekka-Pakt bislang fern geblieben und verfolgen erkennbar eine eigene, auf Ausgleich zwischen beiden Lagern angelegte Hedging-Strategie. Auch Ägypten, das einen Friedensvertrag mit Israel unterhält und amerikanische Militärhilfe bezieht, zeigt zwar politisches Interesse an einer losen Anbindung, scheut jedoch bislang eine förmliche militärische Beistandsverpflichtung. Aus Washington ist trotz der erkennbar amerikakritischen Rhetorik Fidans („externe Großmächte lösen die Probleme nicht, sie machen sie nur schlimmer“) bislang keine öffentliche Kritik am Aufbau dieser NATO-artigen Sicherheitsstruktur durch drei enge US-Partner überliefert – ein Schweigen, das sich als stillschweigende Billigung einer Lastenteilung lesen lässt, die der amerikanischen Strategie einer Regionalisierung der Sicherheitsverantwortung entgegenkommt.

Zur kritischen israelischen Wahrnehmung

In israelischen Kommentaren wird diese Entwicklung bereits als Risiko der Selbstuntergrabung amerikanischer Politik gedeutet. Der Nahost-Forscher Gregg Roman vom Middle East Forum wird in der „Jerusalem Post“ mit der pointierten These zitiert, Washington „finanziere seine eigene Eindämmung und nenne die Anzahlung ein Bündnis“[16] – ein Verweis auf die parallel diskutierte Lieferung von F-110-Triebwerken und eine mögliche F-35-Freigabe an Ankara. Aus dieser Perspektive erklärt sich Netanyahus vehementer öffentlicher Widerstand gegen die F-35-Lieferung nicht allein aus einer klassischen Luftüberlegenheits-Logik, sondern aus der Sorge, die USA könnten faktisch die militärtechnische Handlungsfähigkeit eines Staates stärken, der Teil eines regionalen Machtgefüges ist, dessen Mitglieder zwar primär auf die Eindämmung Irans zielen, das jedoch objektiv auch die Fähigkeit besitzt, israelische Handlungsspielräume einzuschränken – eine Fähigkeit, die von israelischen Akteuren zunehmend auch in dieser Weise wahrgenommen wird.

Das amerikanische Dilemma: zwischen bedingungsloser Israel-Bindung und Angebot an Ankara

Washingtons Nahostpolitik unter Trump zeichnet sich durch einen ausgeprägt transaktionalen, personalisierten Stil aus, der Zusagen häufig kurzfristig und medienwirksam trifft, ohne sie erkennbar in eine kohärente Gesamtstrategie einzubetten. Dies erschwert eine eindeutige Zuordnung der amerikanischen Position im israelisch-türkischen Verhältnis: Einerseits hat die Administration Israel im Krieg gegen Hamas und Hisbollah faktisch freie Hand gelassen und flog im Juni 2026 gemeinsam mit Israel Angriffe gegen iranische Nuklearanlagen; andererseits signalisiert Trump gegenüber Erdoğan demonstrative persönliche Nähe und Bereitschaft zu weitreichenden Rüstungszugeständnissen, die Jerusalem als Vertrauensbruch wertet.

Innenpolitisch gerät Trump vor den amerikanischen Zwischenwahlen im November 2026 zusätzlich unter Druck: sinkende Zustimmungswerte, steigende Energie- und Lebensmittelpreise infolge der Störungen an der Straße von Hormus sowie die Sorge vor einer neuerlichen militärischen Verstrickung der USA im Nahen Osten schränken seinen innenpolitischen Handlungsspielraum ein. Die Uneinigkeit innerhalb der eigenen Administration – exemplarisch der öffentlich ausgetragene Dissens zwischen Sondergesandtem Tom Barrack, der für eine Einbindung Ankaras in die Gaza-Stabilisierung plädiert, und Außenminister Marco Rubio, der jede Truppenbeteiligung von israelischer Zustimmung abhängig macht – ist Ausdruck fehlender strategischer Abstimmung.

Für die amerikanische Nahostpolitik ergibt sich daraus ein strukturelles Dilemma: Eine dauerhafte militärtechnische Aufwertung der Türkei stärkt aus amerikanischer Sicht eine sunnitisch geführte Ordnungsmacht gegenüber Iran und entlastet Washington von eigener dauerhafter Truppenpräsenz; sie belastet gleichzeitig die über Jahrzehnte gewachsene amerikanische Zusage exklusiver israelischer Luftüberlegenheit in der Region. Sollte Washington künftig gezwungen sein, sich in einem offenen Konflikt zwischen zwei engen, aber miteinander rivalisierenden Partnern eindeutig zu positionieren, drohte diese Ambivalenz in eine handfeste Vertrauenskrise mit einem der beiden Bündnispartner umzuschlagen, ungeachtet dessen, welche Seite Washington im Ernstfall bevorzugt.

Saudi-Arabiens ambivalente Rolle und Netanyahus „Hexagon“-Gegenentwurf

Auch Saudi-Arabien zeigt erkennbares Interesse an dieser Koalition, verfolgt dabei jedoch eine ambivalente Doppelstrategie: Riad möchte sowohl Iran als auch Israel eindämmen und hält sich damit einen Beitritt zu den Abraham-Abkommen offen, ohne sich einseitig festzulegen. Netanyahus im Februar 2026 vorgestelltes Konzept einer „Hexagon-Allianz“ aus Israel, Indien, Griechenland, Zypern sowie unbenannten arabischen, afrikanischen und asiatischen Partnern ist als direkte Reaktion auf dieses sunnitische Quartett zu lesen: Netanyahu selbst sprach explizit von einer Front gegen die „radikale schiitische Achse“, die Israel bereits „hart getroffen“ habe, sowie gegen eine „aufkommende radikale sunnitische Achse“,[17] eine Formulierung, die Pakistans Außenamt umgehend als Versuch zurückwies, die islamische Welt entlang konfessioneller Linien zu spalten.

Wie unentschlossen Riad in dieser Frage tatsächlich bleibt, zeigte sich im Juli 2026 an einem eigenen Vorgang: Nur einen Tag nachdem Washington ein ziviles Nuklearabkommen mit Saudi-Arabien verkündet hatte, machte Trump dessen Umsetzung überraschend von einem saudischen Beitritt zu den Abraham-Abkommen abhängig, ein Schritt, den Beobachter auf Druck Netanyahus oder auf die Absicht zurückführten, die Zustimmung des amerikanischen Kongresses zu erleichtern. Riad selbst hält an der Bedingung fest, einen Beitritt erst nach einem glaubwürdigen Pfad zu einem palästinensischen Staat zu vollziehen, was eine kurzfristige saudische Normalisierung mit Israel unwahrscheinlich erscheinen lässt und die Ambivalenz der saudischen Doppelstrategie zusätzlich unterstreicht: Riad bleibt an einer Tür zu Washington und Israel ebenso interessiert wie an der sicherheitspolitischen Rückendeckung durch den Mekka-Pakt.

Militärische  Kräfteverhältnisse und strukturelle Eskalationsrisiken

Anders als im Verhältnis zu Iran, der Hisbollah oder den Huthi steht Israel im Fall der Türkei einem NATO-Mitglied mit substanziell anderer militärischer Kategorie gegenüber. Die türkischen Streitkräfte umfassen rund 550.000 aktive Soldaten, 380.000 Reservisten sowie umfangreiche gepanzerte und luftgestützte Kapazitäten, darunter die im Aufbau befindliche Eigenentwicklung KAAN sowie rund 240 F-16-Kampfjets. Darüber hinaus verfügt die Türkei über direkte militärische Präsenz in Nordzypern, Nordsyrien, im Nordirak, in Libyen und in Katar, ein Befund, der sie von rein proxy-gestützten Akteuren wie dem Iran unterscheidet. Die zentrale institutionelle Besonderheit liegt in der NATO-Mitgliedschaft der Türkei und der damit verbundenen Beistandsverpflichtung nach Artikel 5.

Sollte es zu einer offenen militärischen Konfrontation zwischen Israel und der Türkei kommen, geriete das westliche Bündnissystem in eine politisch und strategisch außerordentlich schwierige Lage: Der Bündnisfall nach Artikel 5 wird nicht automatisch durch jede militärische Auseinandersetzung ausgelöst, sondern hinge von Faktoren wie dem Ort des Angriffs, der Einstufung als bewaffnete Aggression und der politischen Bewertung durch die übrigen Mitgliedstaaten ab; doch bereits die bloße Möglichkeit einer solchen Beistandsfrage würde die NATO erheblich belasten – ein Umstand, der nach Einschätzung des ehemaligen NCTC-Direktors Joe Kent Teil der Motivlage hinter Trumps wiederholt geäußerter Bereitschaft zu einem NATO-Austritt sein könnte. Auf türkischem Boden befinden sich zudem zentrale NATO-Infrastrukturen: der Luftwaffenstützpunkt Incirlik mit nach Presseangaben rund 50 taktischen US-Nuklearwaffen im Rahmen der nuklearen Teilhabe, die Radarstation Kürecik als Bestandteil der NATO-Raketenabwehr sowie das NATO-Landstreitkräftekommando (LANDCOM) in Izmir. Diese Gemengelage erzeugt ein doppeltes Paradox: Ein NATO-Staat, der zunehmend rhetorisch als Bedrohung markiert wird, beherbergt zur gleichen Zeit kritische Verteidigungsinfrastruktur des westlichen Bündnisses.

Angesichts dieser strukturellen Hemmnisse erscheint eine unmittelbare direkte militärische Konfrontation zwischen Israel und der Türkei kurzfristig wenig wahrscheinlich. Plausibler ist eine indirekte Eskalation über Syrien, wo sich mit dem teilweisen Rückzug der USA ein Vakuum bildet, in dem türkische Präsenz im Norden auf israelische Aktivität im Süden treffen könnte, ein klassisches Szenario stellvertretender Reibungsflächen, wie es aus anderen Regionalkonflikten bekannt ist.

 Syrien und das östliche Mittelmeer als neue Reibungsflächen

Der Schwerpunkt israelischer Besorgnis in Bezug auf die Türkei hat sich mittlerweile verschoben: Weniger die traditionelle Sorge um türkische Beziehungen zur Hamas steht im Vordergrund als vielmehr der wachsende türkische Einfluss auf die künftige Ordnung Syriens. Während Ankara den Aufbau eines starken, geeinten syrischen Staates unterstützt, bevorzugt Israel ausdrücklich ein schwaches, fragmentiertes Syrien. Bemerkenswert ist gleichwohl, dass fortbestehende Koordinationskanäle zwischen den Streitkräften und Nachrichtendiensten beider Länder bislang direkte militärische Zusammenstöße auf syrischem Territorium verhindert haben.

Dass diese Koordinationskanäle jedoch keine Garantie gegen einseitige Eskalation bieten, zeigte sich am 18./19. August 2026, als die israelische Luftwaffe den seit 2012 stillgelegten Militärflugplatz Abu al-Duhur in der nordwestsyrischen Provinz Idlib mit mehreren Luftschlägen angriff.[18] Israel begründete den Angriff damit, eine türkische Truppenstationierung auf dem Gelände sowie eine mögliche Verlegung von Kampfflugzeugen habe verhindert werden müssen; kurz zuvor hatte eine türkische Delegation den Flugplatz besichtigt. Das Büro Netanyahus erklärte, Damaskus sei im Begriff gewesen, den mit Israel informell vereinbarten sicherheitspolitischen „Status quo“ zu verletzen, wonach auf syrischem Boden keine dauerhafte türkische Militärpräsenz entstehen dürfe; Verteidigungsminister Israel Katz warnte Erdoğan öffentlich vor „gefährlichen Abenteuern in Syrien“. Sowohl Damaskus als auch Ankara wiesen die israelische Darstellung zurück: Außenminister al-Shaibani erklärte gegenüber Axios, Israel sei vorab informiert worden, dass weder eine türkische Basis noch eine dauerhafte

In den Tagen danach kam ein zweiter, politisch heiklerer Vorwurf hinzu. Am 22. August 2026 berichtete die Times of Israel, der amerikanische Sondergesandte Tom Barrack habe angedeutet, der israelische Angriff habe möglicherweise darauf abgezielt, die Türkei im Vorfeld der israelischen Wahlen bewusst zu provozieren („bait“).[19]

Verteidigungsminister Katz wies diese Darstellung als „voller Ungenauigkeiten“ zurück und betonte, Jerusalem habe sich diplomatisch um eine Vermeidung des Angriffs bemüht; Barrack bestätigte zugleich, dass der Mossad-Chef Roman Gofman bereits vor dem Schlag mit dem syrischen Außenminister al-Shaibani gesprochen habe. Dem Bericht zufolge hatte Israel Washington über den konkreten Zeitpunkt des Angriffs allerdings nicht vorab informiert. Auch innerhalb Israels blieb die Aktion nicht unwidersprochen: Der frühere Ministerpräsident und Verteidigungsminister Ehud Barak bezeichnete die Eskalation öffentlich als „reckless and stupid“ (rücksichtslos und dumm).[20] Die Türkei wiederum dementierte, dass sich vor oder während des israelischen Angriffs überhaupt eine militärische Delegation am Stützpunkt befunden habe – ein Widerspruch zu ersten Presseberichten, die von einem kurz zuvor erfolgten Besuch einer türkischen Delegation ausgegangen waren, und stellte den Vorwurf einer geplanten Truppenstationierung insgesamt in Abrede.

In der Folgewoche kam ein weiterer Streitpunkt hinzu. Nach Berichten vom 23./24. August 2026 informierte Israel die US-Regierung, wonach die Türkei nun beabsichtige, in Abu al-Duhur ein Luftabwehrsystem zu errichten – eine Entwicklung, die Israel als Gefährdung seiner regionalen Lufthoheit und als Verschiebung des militärischen Kräfteverhältnisses wertet. Zugleich zitierte die Nachrichtenagentur AP den US-Sondergesandten Barrack mit der Aussage, Israel habe Washington vor dem eigentlichen Luftschlag nicht vorab informiert, was auf mangelnde Abstimmung selbst zwischen engen Verbündeten hindeutet. Als Reaktion auf die eskalierende Lage bemüht sich die Trump-Administration nach eigenen Angaben um den Aufbau eines trilateralen „Deconfliction-Mechanismus“ zwischen Israel, Syrien und der Türkei, um künftige Zwischenfälle dieser Art frühzeitig abzufangen. Damit reiht sich Abu al-Duhur in ein längeres Muster israelischer Präventivschläge gegen den Aufbau militärischer Infrastruktur Dritter auf syrischem Boden ein: Bereits zuvor hatte die israelische Luftwaffe den Stützpunkt Khalkhala in Südsyrien angegriffen, offiziell um zu verhindern, dass dort gelagerte Raketenbestände in die Hände radikaler Gruppen gelangen. Israelisch-syrische Sicherheitsgespräche, die Anfang 2026 unter US-Vermittlung in Paris stattfanden, hatten zwar eine erste Verständigung über den Austausch nachrichtendienstlicher Informationen sowie eine technische Koordinationszelle hervorgebracht, blieben jedoch ohne substanzielle Ergebnisse.

Als weiteren Reibungspunkt ist die vertiefte militärische und nachrichtendienstliche Kooperation Israels mit Griechenland und Zypern, konkret die Lieferung präziser Raketenwerfersysteme an Griechenland sowie von Luftabwehrsystemen an Zypern, dies vor dem Hintergrund anhaltender türkischer Ansprüche auf umstrittene Seegebiete und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Diese Entwicklung fügt sich in das bereits skizzierte Bild der „Hexagon-Allianz“ ein und verstärkt aus türkischer Sicht den Eindruck einer gezielten Einkreisung. Parallel dazu hat der Krieg gegen Iran die regionale Stellung der Türkei tendenziell gestärkt: Ankara hat sich als Vermittler zwischen Washington und Teheran profiliert, seine Position innerhalb der NATO gefestigt und gleichzeitig ein tragfähiges Verhältnis zu Trump aufrechterhalten, obwohl es die Kriegführung nicht unterstützte. Parallel dazu habe die Türkei ihre Gespräche über regionale Sicherheitsarrangements mit Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan intensiviert, was auf ein Bestreben nach breiterer regionaler Absicherung jenseits der bilateralen Rivalität mit Israel hindeutet.

Der Streit um Abu al-Duhur wirkt bis in die unmittelbare Gegenwart fort. Am 25. August 2026 erklärte Erdoğan, die Türkei werde ihre Verbündeten in der Region nicht im Stich lassen und lasse sich von keiner externen Macht „rote Linien“ für ihre Außenpolitik vorschreiben; zugleich unterstellte er dem von ihm als „politisch angeschlagen“ bezeichneten Netanyahu, die Spannungen mit Ankara bewusst zu schüren, um vor der Wahl im Oktober innenpolitisch Rückhalt zu gewinnen, eine Zuspitzung, die die zuvor beschriebene wechselseitige Instrumentalisierungslogik beider Regierungschefs nochmals bestätigt. Dass sich die Rivalität längst nicht mehr auf die zwischenstaatliche Ebene beschränkt, zeigte bereits der Anschlag vom 7. April 2026 auf das israelische Generalkonsulat in Istanbul, bei dem drei bewaffnete Angreifer versuchten, das Gebäude zu stürmen; beide Regierungen stuften die Tat übereinstimmend als Terroranschlag ein. Die türkische Militärpräsenz in Nordsyrien selbst, die Reuters 2025 auf mehrere Tausend Soldaten in Gebieten wie Afrin, Azaz, Dscharabulus, Ras al-Ain und Tal Abyad bezifferte und die Human Rights Watch als faktische Besatzung einstuft, bildet dabei den strukturellen Hintergrund, vor dem sich einzelne Zwischenfälle wie jener um Abu al-Duhur jederzeit wiederholen können.

Europas Rolle zwischen Handlungsoptionen und strukturellen Grenzen

Mehrere europäische Staaten sind unmittelbar von der Israel-Türkei-Rivalität betroffen. Zudem befindet sich die Europäische Union sich gegenüber der Türkei in einer eigentümlichen Zwickmühle: Ankara ist seit 1999 offizieller EU-Beitrittskandidat, die Verhandlungen sind jedoch seit der faktischen Einfrierung durch das Europaparlament 2016 blockiert, nicht zuletzt wegen der bis heute ungelösten Nichtanerkennung der Republik Zypern durch die Türkei, die als EU-Mitgliedstaat ein Vetorecht gegen eine Vertiefung der Beziehungen besitzt. Gleichzeitig ist die Türkei als NATO-Mitglied mit der zweitgrößten Armee des Bündnisses ein Sicherheitsakteur, auf den Europa, gerade angesichts des von den USA signalisierten Truppenabzugs aus Europa, kaum verzichten kann. Diese doppelte Rolle beschränkt Europas Handlungsspielraum strukturell.

Die Republik Zypern nimmt in diesem Gefüge eine doppelte Sonderrolle ein: Sie ist selbst Konfliktpartei im ungelösten Zypernkonflikt mit der Türkei und zugleich das EU-Mitglied, das am unmittelbarsten in die israelisch-türkische Rivalität hineingezogen wird, geografisch näher an der Türkei, Syrien, dem Libanon und Israel als an den übrigen griechischen Inseln. Nikosia hat diese Zwangslage zunehmend in strategisches Gewicht umgemünzt, etwa durch die humanitäre Initiative „Operation Amalthea“ im Rahmen der Gaza-Krise sowie durch seine Funktion als Drehscheibe für Energieverbindungen und diplomatische Initiativen. Ein für die vorliegende Analyse besonders relevanter Beleg ist der EU-Gipfel auf Zypern im April 2026, zu dem eigens die Staats- und Regierungschefs Ägyptens, Jordaniens, Libanons und Syriens sowie der Generalsekretär des Golf-Kooperationsrats eingeladen wurden, um über Energiepreise, drohende Treibstoffknappheit sowie mögliche gemeinsame politische Initiativen zur Beruhigung der Lage nach dem Iran-Krieg zu beraten.[21] Zypern positioniert sich damit als eine Art europäischer Vermittlungsknoten zwischen EU und Nahost – eine Rolle, die angesichts der wachsenden israelisch-türkischen Spannungen weiter an Bedeutung gewinnen dürfte.

Der EU fehlt angesichts der fortbestehenden Zypern-Blockade eine einheitliche Verhandlungsmasse gegenüber Ankara. Zweitens zeigt der Verlauf des NATO-Gipfels selbst die Zerstrittenheit der europäischen NATO-Partner im Umgang mit Trump: Einige Staaten (Spanien, Frankreich, Italien) verweigerten während des Iran-Kriegs die Nutzung ihres Luftraums für amerikanische Operationen, was die transatlantische Kohäsion zusätzlich belastet und Europas Verhandlungsposition gegenüber sowohl Washington als auch Ankara schwächt. Drittens fehlt der EU bislang eine gemeinsame, kohärente Nahost-Position. Europa wird ohne eine solche koordinierte Position mittelfristig zum bloßen Nebenschauplatz einer Auseinandersetzung, die auf seinem eigenen sicherheitspolitischen und energiewirtschaftlichen Vorfeld ausgetragen wird.

Deutschlands gesteigertes Interesse an Eindämmung: NATO-Kalkül, Rüstungspartnerschaft und historische Verantwortung

Innerhalb der europäischen Verunsicherung markiert Deutschland einen eigenständigen Fall, weil es gegenüber beiden Konfliktparteien über gewachsene sicherheitspolitische und wirtschaftliche Bindungen verfügt, die eine Eskalation für Berlin zu einem unmittelbaren nationalen Interesse machen. Sicherheitspolitisch hat die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz die Beziehungen zur Türkei seit ihrem Amtsantritt 2025 gezielt vertieft: Im Juli 2025 hob Berlin den zuvor von der Ampel-Koalition verhängten Exportstopp für 40 [22]

Gegenüber Israel bleibt die deutsche Politik durch die von Kanzler Merz wiederholt bekräftigte Formel geprägt, wonach die Verteidigung Israels in seiner Existenz zur deutschen Staatsräson gehöre, eine aus der historischen Verantwortung für den Holocaust abgeleitete Selbstverpflichtung, die Berlin auch dann aufrechterhält, wenn sie mit wachsender innenpolitischer und europäischer Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza kollidiert.[23] Merz besuchte Israel im Dezember 2025 zu seinem Antrittsbesuch, mahnte dabei jedoch zugleich einen Verzicht auf eine Annexion des Westjordanlands an und hielt an der Zwei-Staaten-Perspektive fest, ohne einen palästinensischen Staat kurzfristig anzuerkennen. Diese Gleichzeitigkeit von Bündnistreue und vorsichtiger Distanzierung erschwert es Berlin, im israelisch-türkischen Streit eine eindeutige Position zu beziehen, da sich beide Bindungen wechselseitig relativieren.

Aus dieser doppelten Bindung erwächst ein gesteigertes strukturelles Interesse Berlins an einer Eindämmung des Konflikts, das über allgemeine europäische Stabilitätsinteressen hinausgeht. Ein offener Bruch zwischen Israel und der Türkei träfe Deutschland an mehreren, sicherheits- wie wirtschaftspolitisch empfindlichen Stellen: Er beschädigte im Ernstfall die Wirksamkeit von Artikel 5, den Deutschland selbst als Beistandsverpflichtung mitträgt; er gefährdete milliardenschwere Rüstungs- und Handelsbeziehungen zu beiden Staaten; er destabilisiert die Südostflanke des Bündnisses in einem Moment reduzierter amerikanischer Präsenz; und er zwänge Berlin, sich zwischen zwei Partnern zu entscheiden, deren Unterstützung jeweils auf unterschiedlichen, aber gleichermaßen tief verankerten außenpolitischen Grundüberzeugungen beruht. Vor diesem Hintergrund liegt es im ureigenen deutschen Interesse, über den fortgesetzten strategischen Dialog mit Ankara sowie die enge Abstimmung mit Jerusalem auf eine Deeskalation hinzuwirken, bevor sich beide Bindungen gegenseitig unvereinbar machen.

Systemkonflikt: fünf ineinandergreifende Dimensionen

Die vorangegangenen Abschnitte lassen sich zu einem zusammenfassenden Befund verdichten: Der israelisch-türkische Gegensatz ist kein singulärer Konflikt und auch kein klassischer ideologischer Blockkonflikt, sondern eine zunehmend strukturelle Rivalität, in der innenpolitische Ideologien, regionale Machtprojektionen und konkurrierende Sicherheitsordnungen miteinander verschränkt sind. Diese Verschränkung lässt sich analytisch in fünf ineinandergreifenden Dimensionen entfalten.

Ein Konflikt unterschiedlicher politischer Ideologien. Im Kern steht der historisch gewachsene Gegensatz zwischen dem politischen Islam als Leitideologie der türkischen Außenpolitik und der national-religiösen Rechten in der israelischen Regierungskoalition um Ben-Gvir und Smotrich – zwei Weltanschauungen, die einander, wie im historischen Abschnitt gezeigt, zunehmend als zivilisatorische Bedrohung begreifen und wechselseitig delegitimieren.

Ein Konflikt um regionale Hegemonie. Sichtbar wird dies im Wettstreit zwischen dem sunnitisch geführten Mekka-Verteidigungspakt (Türkei, Saudi-Arabien, Pakistan) und Netanyahus „Hexagon“-Gegenentwurf (Israel, Indien, Griechenland, Zypern) – zwei rivalisierende Ordnungsentwürfe, die jeweils sowohl Iran als auch das gegnerische Lager einzudämmen suchen und damit die Region in konkurrierende Einflusszonen zu gliedern drohen.

Ein Konflikt zwischen unterschiedlichen Sicherheitsarchitekturen. Die traditionelle amerikanisch-israelische Zusage exklusiver Luftüberlegenheit trifft auf die NATO-Mitgliedschaft der Türkei mit ihrer Beistandsverpflichtung nach Artikel 5 sowie auf das neue, diesem Artikel nachempfundene Mekka-Abkommen – zwei sich überlappende, jedoch nicht deckungsgleiche Beistandsordnungen, deren Reibung im Ernstfall, wie im Abschnitt zu den militärischen Kräfteverhältnissen dargelegt, das westliche Bündnissystem selbst vor eine Zerreißprobe stellen könnte.

Ein Konflikt um die politische Ordnung Syriens und des östlichen Mittelmeers. Konkret wird dies am Gegensatz zwischen türkischer Unterstützung eines starken, geeinten syrischen Staates und israelischer Präferenz für ein schwaches, fragmentiertes Syrien, an der Konkurrenz der Handelskorridore IMEC und Entwicklungsstraße/Hedschas-Bahn sowie an der vertieften israelisch-griechisch-zyprischen Kooperation, die aus türkischer Sicht den Eindruck gezielter Einkreisung verstärkt.

Ein Konflikt zwischen islamisch-nationaler und nationalreligiöser Regionalpolitik. Die beiden innenpolitischen Dynamiken, die den historischen Bruch der einstigen Partnerschaft der 1990er Jahre besiegelten – die AKP-geführte Türkei einerseits, die von Ben-Gvir und Smotrich geprägte israelische Rechte andererseits –, projizieren sich mittlerweile als konkurrierende regionalpolitische Ordnungsvorstellungen nach außen und durchziehen, wie die vorangegangenen Abschnitte gezeigt haben, praktisch jede der übrigen vier Konfliktdimensionen.

Erst im Zusammenspiel dieser fünf Ebenen wird plausibel, weshalb sich der Konflikt trotz punktueller Deeskalationsversuche – etwa des von der Trump-Administration angestrebten trilateralen Deconfliction-Mechanismus – bislang nicht eindämmen ließ: Jede Ebene für sich wäre vermittelbar, ihre gleichzeitige Überlagerung macht die Rivalität hingegen strukturell resistent gegen singuläre diplomatische Lösungen.

 

Kritische Einordnung und Ausblick

Die Rivalität zwischen Türkei und Israel  hat sich zu einem Streit um die künftige Gestalt der regionalen Ordnung insgesamt verselbstständigt. Das Risiko einer direkten militärischen Konfrontation bleibe zwar weiterhin gering, ist jedoch „realistischer als zuvor“.  Dass Washington tatsächlich, wie hier als Deutungsoption dargelegt, auf eine sunnitisch geführte Ordnungs- und Eindämmungsmacht gegenüber Iran setzt, ist inzwischen weniger eine Vermutung als ein durch die Ereignisse der vergangenen Wochen gestütztes Bild: Trumps öffentliche Zurückweisung von Netanyahus F-35-Widerstand, die Formalisierung des Mekka-Verteidigungspakts mit seiner impliziten nuklearen Rückversicherung sowie die anhaltende amerikanische Zurückhaltung gegenüber dem Aufbau dieser Struktur fügen sich zu einem kohärenten Befund. Netanyahus Widerstand erscheint damit weniger als punktuelle Verhandlungstaktik vor einem einzelnen NATO-Gipfel denn als frühzeitiger, bislang jedoch erfolgloser Versuch, einer strukturellen Verschiebung der amerikanischen Regionalstrategie entgegenzuwirken – weg von der bisherigen exklusiven Sonderrolle Israels, hin zu einer stärker multipolaren, auch auf sunnitische Regionalmächte gestützten Ordnungsarchitektur. Ob diese Verschiebung von Dauer ist oder unter dem Eindruck der israelischen Wahl im Oktober 2026 sowie einer möglichen weiteren Eskalation in Syrien revidiert wird, bleibt die zentrale offene Frage für die kommenden Monate.

 

[1] Berman, Lazar (2026): Netanyahu on CNN hours after Trump hailed Erdogan: Turkey not a ‘friendly country’ to the US. In: The Times of Israel, 7. Juli 2026. URL: https://www.timesofisrael.com [Stand: 27.08.2026].

[2] Politis.com.cy (2026): Trump Eyes F‑35 Sales to Turkey, Signals End to Sanctions. 7. Juli 2026. URL: https://www.en.politis.com.cy/news/world/1017592/trump-eyes-f35-sales-to-turkey-signals-end-to-sanctions [Stand: 27.08.2026]

[3] Pakistan Today (2026): Pakistan Navy Inducts PNS Khaibar, Boosts Maritime Power. 4. April 2026. URL: https://www.pakistantoday.com.pk [Stand: 27.08.2026].

[4] i24NEWS (2026): Turkish FM Fidan calls Israel a 'burden' on humanity, urges sanctions; FM Sa'ar slams 'incitement to genocide'. 3. Juli 2026. URL: https://www.i24news.tv [Stand: 27.08.2026].

[5] Freiberg, Nava (2026): Israel recognizes Armenian genocide, amid frosty ties with Turkey. In: The Times of Israel, 28. Juni 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/government-unanimously-recognizes-armenian-genocide-amid-frosty-ties-with-turkey/ [Stand: 27.08.2026].

[6] Aydıntaşbaş, Aslı (2026): After Iran, Turkey and Israel Face a Reckoning. Brookings, 3. März 2026. URL: https://www.brookings.edu/articles/after-the-strike-the-danger-of-war-in-iran/ [Stand: 27.08.2026].

[7] The Times of Israel (2026): Eisenkot opens up a lead on Netanyahu in new ToI poll, but both blocs shy of majority. 13. August 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/eisenkot-opens-up-a-lead-on-netanyahu-in-new-toi-poll-but-both-blocs-shy-of-majority/ [Stand: 27.08.2026].

[8] Anadolu Agency (2026): Türkiye seeks Interpol red notice for Netanyahu over Gaza aid flotilla case. 21. August 2026. URL: https://mobil.aa.com.tr [Stand: 27.08.2026].

[9] The Times of Israel (2026): IDF intercepts all ships in Gaza-bound flotilla, over 400 activists being transferred to Israel. 19. Mai 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/idf-intercepts-all-ships-in-gaza-bound-flotilla-over-400-activists-being-transferred-to-israel/ [Stand: 27.08.2026].

[10] Ynetnews (2026): Turkey seeks international arrest warrant for Netanyahu over 'genocide,' minister says. 21. August 2026. URL: https://www.ynetnews.com [Stand: 27.08.2026].

[11] Tress, Luke (2026): Netanyahu campaign billboard places NYC’s Mamdani alongside leaders of Iran and Hezbollah. In: The Times of Israel, 17. August 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/netanyahu-campaign-billboard-places-nycs-mamdani-alongside-leaders-of-iran-and-hezbollah/ [Stand: 27.08.2026].

[12] Newsweek (2025): Pakistan Opens Nuclear Weapons Program to Saudi Arabia. 19. September 2025. URL: https://www.newsweek.com/pakistan-saudi-arabia-nuclear-weapons-program-pact-2132355 [Stand: 27.08.2026].

[13] Atlantic Council Experts (2026): Why Saudi Arabia, Pakistan, and Turkey Just Signed a Defense Pact. 7. August 2026. URL: https://www.atlanticcouncil.org/dispatches/why-saudi-arabia-pakistan-and-turkey-just-signed-a-defense-pact/ [Stand: 27.08.2026].

[14] Arms Control Association (2025): Pakistan Extends Nuclear Deterrence to Saudi Arabia. Arms Control Today, Oktober 2025. URL: https://www.armscontrol.org/act/2025-10/news-briefs/pakistan-extends-nuclear-deterrence-saudi-arabia [Stand: 27.08.2026].

[15] Frisch, Amos (2026): Iran reportedly invited by Turkey, Saudi Arabia, Pakistan to join defense pact. In: The Jerusalem Post, 23. August 2026. URL: https://www.jpost.com/middle-east/iran-news/article-906316 [Stand: 27.08.2026].

[16] Roman, Gregg (2026): Turkey’s Recep Tayyip Erdogan is waging war on the West and Israel – NATO must not ignore it. In: The Jerusalem Post, 5. Juli 2026. URL: https://www.jpost.com/opinion/article-901226 [Stand: 27.08.2026].

[17] Al Jazeera Staff (2026): What’s Netanyahu’s planned ‘hexagon’ alliance – and can it work? 23. Februar 2026. URL: https://www.aljazeera.com/news/2026/2/23/whats-netanyahus-planned-hexagon-alliance-and-can-it-work [Stand: 27.08.2026].

[18] Al Jazeera Staff, Anadolu and The Associated Press (2026): Israel attacks airbase in Syria’s Idlib as US, Turkiye slam ‘escalation’. 18. August 2026. URL: https://www.aljazeera.com/news/2026/8/18/eight-air-strikes-hit-airbase-in-syrias-idlib [Stand: 27.08.2026].

[19] The Times of Israel (2026): US envoy suggests Israeli strike in Syria sought to ‘bait’ Turkey ahead of elections. 22. August 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/us-envoy-suggests-israeli-strike-in-syria-was-election-ploy-aimed-at-baiting-turkey-into-clash/ [Stand: 27.08.2026].

[20] The Times of Israel (2026): ‘Don’t’: Netanyahu says he warned Turkey before Israel struck Syrian base. 20. August 2026. URL: https://www.timesofisrael.com/dont-netanyahu-says-he-warned-turkey-before-israel-struck-syrian-base/ [Stand: 27.08.2026].

[21] Bundesregierung (2026): Kanzler beim Europäischen Rat auf Zypern. 24. April 2026. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bk-europaeischer-rat-zypern-2424974 [Stand: 27.08.2026].

[22] Handelsblatt/dpa (2025): Deutsche Waffenlieferungen: Deutlicher Rückgang bei Rüstungsexporten nach Rekordjahren. 29. Dezember 2025. URL: https://www.handelsblatt.com/dpa/deutsche-waffenlieferungen-deutlicher-rueckgang-bei-ruestungsexporten-nach-rekordjahren/100187296.html [Stand: 27.08.2026].

[23] Bundesregierung (2025): Pressekonferenz nach Antrittsbesuch von Kanzler Merz in Israel. 7. Dezember 2025. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/antrittsbesuch-merz-israel-2398044 [Stand: 27.08.2026].

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Dr. Marwan Abou-Taam, 1975 in Beirut geboren, ist Islam- und Politikwissenschaftler sowie Sicherheitsexperte. Er studierte in Göttingen, Beirut und Aix-en-Provence und promovierte an der Universität Göttingen bei Bassam Tibi über islamistischen Terrorismus und innere Sicherheit. Seit 2006 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, insbesondere in Analyse, strategischer Auswertung, Konzeption und Fortbildung. Seine Schwerpunkte sind islamistischer Extremismus, Salafismus, Dschihadismus, Radikalisierungsprozesse, Migration und Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Abou-Taam ist zudem assoziiertes Mitglied des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung und als Publizist, Referent sowie Sachverständiger in der öffentlichen Debatte tätig.
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