Moritz Pieczewski-Freimuth
Queers for Palestine? – Kein Zufall!
Wie Teile der queeren Bewegung Israelfeindschaft und Islamismus verharmlosen
Lesezeit: 8 Minuten
© Moritz Pieczewski-Freimuth, September 2026. Alle Rechte vorbehalten.
Die Hamas-Strategie nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 bestand darin, Israel moralisch zu isolieren und das Leben von Juden so unbequem wie möglich zu machen. Verlass war dabei auf linksautoritäre Extremisten in westlichen Ländern, die, als die Terroristen in Israel noch wüteten, den vermeintlichen Aggressor bereits ausgemacht hatten: Israel – die jüdische Nation. Besonders eifrig agierte dabei eine Strömung des Queerfeminismus, die hier unter der Sammelbezeichnung „Queers for Palestine“ behandelt wird.
Wenige Stunden bevor der Islamist Abdel Ballout am 25. Juli 2026 einen Anschlag auf Teilnehmer des CSD Berlin verübte, kam es bei der Alternativveranstaltung „Internationalist Queer Pride Berlin“, die den Berliner CSD als zu „kommerziell“ kritisierte, zu einer ideologischen Unterstützung der Hamas. Zugleich war dort ein Schild mit der Aufschrift „Thank you Iran“[1] zu sehen – eine offene Sympathiebekundung für ein Regime also, das Homosexuelle an Baukränen erhängt.
Kaum eine queere Parade kam nach dem 7. Oktober ohne palästinensische Symbole aus.[2] Ebenfalls beteiligten sich Queeraktivisten rege an Campusbesetzungen, bei denen Terror verharmlost und Juden der Zutritt zu Universitäten verwehrt wurde. Auch auf der pro-Hamas-Flottille Richtung Gazastreifen segelten Queeraktivisten mit, bis es schließlich an Bord zu Zerwürfnissen mit radikalen Muslimen kam: Die queere „Befreiung“, so hieß es, entweihe die der Palästinenser.[3]
Die einseitige Liebeserklärung am Gaza-Deck verwundert nicht. Homo-, Bi- oder Transsexualität wird in den palästinensischen Gebieten mit langjähriger Haft geahndet. Wo die Machthaber nicht bestrafen, übernehmen oft Familien diese Rolle. Auch Ehrenmorde können LGBTQ-Personen treffen. Im reaktionären Islam wie auch in patriarchalen Kulturen ist sexuelle Vielfalt eine schwere Sünde. In Israel hingegen sind LGBTQ-Personen weitgehend gleichgestellt. Tel Aviv gilt als queere Metropole. Die israelische Demokratie gewährleistet als einziges Land im Nahen Osten die sichere Durchführung von Christopher Street Day-Paraden.
Warum aber sympathisieren Kreise der queeren Szene mit misogynen und LGBTQ-feindlichen Islamisten, statt diese zu bekämpfen? Auf welche theoretische Basis stützt sich dieses Phänomen?
Ein gängiges Narrativ der linksautoritären Szene ist es, die Hamas als Widerstandsbewegung zu verklären und ihren Terror als reaktive, mitunter gar revolutionäre Praxis zu billigen. Judith Butler, die prominente Begründerin der Queer Theory, integrierte das Framing vom Islamismus als Befreiungsbewegung maßgeblich in die queere Theoriebildung. Bereits im Jahr 2005 warnte sie vor einer „kulturimperialistischen Ausbeutung des Feminismus“, wenn Frauenunterdrückung im Namen des Islam kritisiert wird.[4] Damit reichte sie Islamisten in ihrer Propaganda vom kulturzerstörenden, zwangsassimilierenden Westen argumentativ die Hand. 2024 kategorisierte Butler die Vernichtungsaktion vom 7. Oktober als Akt bewaffneten Widerstands. Zugleich äußerte Butler Zweifel daran, ob es tatsächlich zu systematischer Sexualgewalt an Frauen durch islamistische Schergen gekommen sei.[5] In ähnlicher Stoßrichtung erklärte sie es für eine „Karikatur, dass Frauen, Schwule, Lesben und trans Personen in Palästina nicht frei und offen leben“ könnten.[6]
Macho-Judenstaat
Butlers Antizionismus, den sie insbesondere in ihrem Werk "Am Scheideweg. Judentum und die Kritik des Zionismus" ausführt, entspringt ihrer scheinbar antiessentialistischen Gendertheorie. Sie argumentiert, dass jede Definition von Autonomie zwangsläufig Ausschlüsse produziere. Ein selbstbestimmter Umgang mit der eigenen Anlage – etwa dem biologischen Geschlecht – sei ihr zufolge nur um den Preis der Verletzung anderer denkbar. Übertragen auf die Frage jüdischer Souveränität bedeutet dies: Zionismus sei keine Emanzipationsbewegung, sondern ein identitäres Projekt, das automatisch Palästinenser entrechten würde.
Einen diversitätskompatiblen Gegenentwurf erblickt Butler in der jüdischen Diaspora, die sie als Raum permanenter Reflexion der eigenen Identität im Angesicht des Anderen glorifiziert. Dieser Modus sei laut Butler der eigentlichen jüdischen Ethik angemessen.[7] Ironischerweise verfällt sie dabei selbst einem Essentialismus, indem sie behauptet, der Zionismus sei dem Judentum fremd, die Diaspora hingegen dem Judentum eigen. Weder die historische Notwendigkeit Israels als Schutzstätte vor antisemitischer Raserei noch die massive Drangsalierung von Juden in der Diaspora findet bei ihr Beachtung. In Butlers Perspektive tritt Israel als staatsgewordener Oberpatriarch auf, der mit seinem Beharren auf Wehrhaftigkeit ein maskulines Prinzip verkörpern würde.
Butlers verklausuliertes Ressentiment greift dabei auf eine lange Tradition der Judenfeindschaft im feministischen Denken zurück: Wurde das Judentum einst für die Abschaffung des Matriarchats verantwortlich gemacht, so gilt Israel heute als Inkarnation des „alten weißen Mannes“. Während es in der deutschen Frauenbewegung früher abgelehnt wurde, Feministin und Jüdin zu sein, ist es heute in bestimmten Kreisen unvereinbar, Feministin oder LGBTQ-Aktivist und zugleich Zionistin bzw. Zionist zu sein.[8]
Fallstricke der Intersektionalität
Eine weitere Denkschablone, die Queere zur Israelfeindschaft bewegt, ist die eindimensionale Interpretation des Konzeptes der Intersektionalität. Der ursprüngliche Ansatz geht auf die Juristin Kimberlé Crenshaw zurück. Sie analysierte vor dem Hintergrund der Benachteiligung schwarzer Frauen am Arbeitsplatz sich überkreuzende Diskriminierungen entlang der Achsen Race, Class und Gender. Eine populär gewordene, manichäische Rezeption dieser Trias bleibt jedoch blind für Antisemitismus und die Verfolgungserfahrungen von Juden. Antisemitismus ist nicht unter Rassismus zu subsumieren, sondern ein Welterklärungsmodell, das Juden als übermächtig imaginiert. Juden gelten nicht als Betroffene ökonomischer Benachteiligung, sondern erscheinen im Wahnbild der Antisemiten als Nutznießer des Kapitalismus par excellence. Auch im Bereich Gender werden sie wechselweise als archaisch-rigide oder liberal-obszön diffamiert.
Crenshaw berücksichtigte zudem, dass schwarze Frauen auch durch schwarze männliche Kollegen diskriminiert werden, und verlor individuelle Faktoren von Ungleichbehandlungen nicht aus dem Blick. Mit der Zeit schwand diese Differenzierung jedoch, sodass sich das Konzept zunehmend auf eine dichotome Zuordnung von Täter- und Opfergruppen verengte.[9] Es wurde vereinfachend zwischen Unterdrückern auf der einen und Unterdrückten auf der anderen Seite unterschieden. Dabei reduzierte man Individuen auf eine Zugehörigkeit zu homogen vorgestellten Kollektiven. In dieser Logik sind die Eigenschaften der „Privilegierten“ westlich, weiß, cisgeschlechtlich und heterosexuell. Als durchweg marginalisiert erscheinen der Globale Süden sowie schwarze und queere Personen. Juden werden als bessergestellt klassifiziert, während der Islam eine benachteiligte Religion sei. Ungeachtet der multikulturellen Realität des Landes und der Tatsache, dass die jüdische Nationalbewegung das britische Mandatsgebiet abgelöst hat, wird Israel als „rassistischer Kolonialstaat“ abgestempelt.
Dieser Ideologie folgend wird eine „natürliche Verbundenheit“ zwischen People of Color, Muslimen und Queeren postuliert. Parolen wie „Palestine is a queer issue” oder „No one is free until all of us are free” bringen dieses regelrechte Solidaritätsdogma zur Geltung. Die Philosophin Angela Y. Davis, Urheberin der sogenannten „intersectionality of struggles“, begründet etwa die vermeintliche Verwandtschaft zwischen den Kämpfen schwarzer Menschen und den Palästinensern damit, dass Israelis amerikanische Einsatzkräfte zur Aufstandsbekämpfung gegen Black Lives Matter trainiert haben sollen, die antisemitische Boykottbewegung BDS wiederum Black Lives Matter unterstütze und Israel Apartheid nach südafrikanischem Vorbild praktiziere.[10]
Dieses Deutungsmuster hätte in Bezug auf den 7. Oktober kolossal scheitern müssen: Die Täter – Palästinenser – entstammen doch eigentlich einem Opferkollektiv, während die wirklichen, jüdischen und westlichen Opfer immer der Gruppe der Aggressoren zugerechnet werden. Doch „es kann nicht sein, was nicht seien darf“ und so wurde die kognitive Dissonanz durch eine projektive Täter-Opfer-Umkehr bewältigt: Palästinensische Gräueltaten erfuhren Relativierung, wenngleich israelischen Soldaten Sexualverbrechen unterstellt wurden.
Eine wirkliche Solidarität mit Menschen, die sich dieser kollektivistischen Homogenisierung entziehen – namentlich den Queers in(!) Palästina – ist nicht erkennbar. Sie werden nur thematisiert, sofern man sie gegen Israel instrumentalisieren kann, wie Angela Y. Davis es auch unverhohlen zugibt.[11] Außerdem setzt eine Unterstützung die schonungslose Benennung des politischen Islam als eine der wesentlichen Ursache für die Verfolgung von LGBTQ-Personen in der Region voraus. Hier bevorzugt die queere Bubble jedoch ein „strategisches Schweigen“, um nicht als Handlanger von Krieg oder „rassifizierender Diskurse“ zu fungieren.[12]
Muslime als die neuen Queers
Die in diesem Artikel letzte queere Stichwortgeberin ist die US-amerikanische Professorin Jasbir K. Puar. Puar zufolge inszeniert sich der Westen als sexuell aufgeklärt, zivilisiert und homofreundlich, während er der islamischen Welt reaktionäre, barbarische und homophobe Eigenschaften zuschreibt. Dabei gehe es nicht mehr nur um das Motiv „White men are saving Brown women“, sondern inzwischen auch um „White men are saving Gay men from Muslim men“. Um dieser Praxis einen Namen zu geben, prägte Puar den Begriff des „Homonationalismus“. Als „pioneer of homonationalism“ stigmatisiert sie ausgerechnet Israel, den einzigen sicheren Ort für Homosexuelle im Nahen Osten.[13]
Die Kommunikationsstrategie „homonationalistischer“ Staaten definiert Puar als sogenanntes „Pinkwashing“, dessen Vorreiter ebenfalls Israel sei. Mit dem Vorwurf des Pinkwashings wird Israel angelastet, seine LGBT-Freundlichkeit gezielt als Image auszunutzen, um auch von der Gewalt an Palästinenser abzulenken und sich moralische Legitimität für Anti-Terror-Maßnahmen zu erschleichen.[14] Auf zahlreichen queeren Paraden nach dem 7. Oktober war entsprechend zu lesen: „You can’t pinkwash genocide“ – was auch immer Juden tun oder unterlassen, der Antisemit wird es ihnen ankreiden.
Darüber hinaus konstatiert Puar, dass queere Menschen in westlichen Gesellschaften lange als „Sonderlinge“ aus dem nationalen Wir ausgeschlossen waren. Heute würden sie hingegen als Teil des nationalen Selbstverständnisses gebraucht, um Feindzuschreibungen auf andere Gruppen zu verlagern. Insbesondere der muslimische Mann werde nun in westlichen Gesellschaften zum Albtraum sexueller Bedrohung und Devianz erklärt. An vorderster Front dieser neuen Subversion steht laut Puar der dschihadistische Selbstmordattentäter, der durch die „dissolution of bodily boundaries [and] the erotic ballistic event of death“ westliche Konstruktionen von Geschlecht zerstöre.[15]
Schlussbemerkung
Angesichts der katastrophalen Situation von LGBTQ-Personen im Gazastreifen und der Sexualverbrechen der Hamas am 7. Oktober hätte man erwarten können, dass Queeraktivisten sich an die Seite Israels stellen oder zumindest die patriarchale Gewalt palästinensischer Terroristen unmissverständlich verurteilen. Doch das wäre tatsächlich überraschend gewesen. Zahlreiche Queeraktivisten wurden durch die Denkverschlüsse der Gender- und Queer Studies auf Antizionismus und die Terrorverharmlosung eingeschworen. Logischerweise opfern sie die Realität einem Zerrbild, in dem Israel entweder als Oberpatriarch oder als betrügerischer Judenstaat erscheint, der die Rechte sexueller Minderheiten schamlos für eigene Interessen ausnutzen möchte.
Der Queerfeminismus nivelliert substanzielle Unterschiede, sodass zwischen LGBTQ-Personen und traditionalistischen Muslimen kein Interessenkonflikt, sondern eine intersektionale Interessengemeinschaft bestehen würde. Ganz bizarr wird es, wenn Dschihadisten zu den neuen Queeren stilisiert werden. Das einzig Konsistente dieser Bewegung ist ihre Israelfeindschaft – Antisemitismus wirkt schließlich als Universalamalgam bei Antagonismen.
Queeraktivisten haben dem islamistischen Terror moralisch den Rücken gestärkt. Bisher hatten sich Islamisten im Westen hinter Diversitätsdiskursen verborgen. Inzwischen treten sie selbstbewusster auf, sodass sie sich sogar gegen ihre einstigen Fürsprecher richten – eine Entwicklung, die etwa auf der Gaza-Flotte zu beobachten war.
Eine umfassende Analyse unseres Autors zum Phänomen „Queers for Palestine“ lesen Sie hier: https://www.ffgi.net/files/pub/working-papers/FFGI-Working-Paper-03-Queers_for_Palestine.pdf
[1] Siehe: https://www.jfda.de/post/blutige-paradoxie-wenn-das-ideologische-vorspiel-zur-tat-wird
[2] Siehe: https://www.ruhrbarone.de/pride-in-antisemitism-oder-der-pridesommer-2025/249819/
[3] Siehe: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus68dcc66af874bdb9cd3d04a4/gegenrede-wenn-queer-aktivisten-auf-thunbergs-gaza-flottille-unerwuenscht-sind.html
[4] Butler, J. (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays. Suhrkamp. S. 59
[5] Siehe: https://www.bvoltaire.fr/qui-est-judith-butler-la-feministe-qui-fait-scandale/
[6] Siehe: https://www.spiegel.de/kultur/judith-butler-gender-trouble-und-israel-kritik-die-leute-sagen-furchtbare-dinge-ueber-mich-a-c1586aac-e744-400e-a51b-3f1ea27ec9e9
[7] Vgl. Butler, J. (2013): Am Scheideweg: Judentum und die Kritik am Zionismus. Campus Verlag. S. 26, 34, 39
[8] Siehe: Radonić, L. (2020): Die friedfertige Antisemitin reloaded: weibliche Opfermythen und
geschlechtsspezifische antisemitische" Schiefheilung". Clio
[9] Siehe: https://taz.de/Expertin-ueber-sexuelle-Hamas-Gewalt-/!6113393/
[10] Vgl.: https://hammerandhope.org/article/angela-davis-palestinians-gaza; Davis, A. Y., Spivak, G. C. & Dhawan, N. (2019): Planetary Utopias: Angela Davis and Gayatri Chakravorty Spivak in Conversation with Nikita Dhawan, Radical Philosophy, 2(5). S. 72–73 u. Blackmer, C. E. (2022): Queering Anti-Zionism: Academic Freedom, LGBTQ Intellectuals and Israel/Palestine Campus Activism. Wayne State University Press. S. 89
[11] „Queers for BDS not only directs its message at people who identify into LGBTQ communities and it’s important to direct our messages in that direction. But it is not a question of saying simply support queer individuals in Palestine and in fact it’s clear about not wanting support from those who refuse to see that cynicism and that contemptuousness behind Israel’s pro-gay image, but rather it directs its message at anyone who is a potential supporter of BDS.” https://www.youtube.com/watch?v=M4VX6z5FV4Y
[12] Siehe: Pratt, N. (2013): Weaponising feminism for the »war on terror«, versus employing strategic silence. In: Critical Studies on Terrorism 6 [Nr. 2], S. 327–331
[13] Puar, J. K. (2017). The right to maim: Debility, capacity, disability. Duke University Press. S. 97
[14] Siehe: https://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war
[15] Puar, J. K. (2007): Terrorist assemblages: Homonationalism
