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Dossier: Das Hamas-Massaker und die neue Welle des Antisemitismus

Von Susanne Schröter

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Einleitung

Der 7. Oktober 2023 ist Ausdruck einer Verbindung zwischen Antisemitismus, Islamismus und woker Ideologie sowie eine Folge politischer Versäumnisse. 

Was geschah am 7. Oktober 2023?

Der Angriff der Hamas und weiterer palästinensischer Terrorgruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 war ein Massaker an der Zivilbevölkerung mit schwersten Gewalttaten. Er hatte zum Ziel, einen Krieg auszulösen, die arabisch-israelische Annäherung zu verhindern und durch das Leid palästinensischer Zivilisten internationale Unterstützung gegen Israel zu mobilisieren. Die UN und Teile der deutschen Politik haben den relativiert, sexualisierte Gewalt unzureichend verurteilt und finanzieren problematische Hilfsstrukturen weiterhin.

Muslimischer Antisemitismus und das Kalifat

Erdoğan verteidigte die Hamas als Befreiungsbewegung, während deutsche muslimische Verbände den Angriff vom 7. Oktober zunächst nur zögerlich verurteilten und durch einseitige Schuldzuweisungen an Israel relativierten. Ausländische Einflussnahme und jahrzehntelange Verharmlosung durch Politik und Kirchen begünstigten israelfeindliche und antisemitische Einstellungen in Teilen muslimischer Milieus. Islamistische Kalifatsforderungen, antisemitische Demonstrationen und die Radikalisierung Jugendlicher in Schulen und Jugendeinrichtungen machten das Ausmaß dieser Probleme sichtbar.

Kultivierte Feindschaft

Teile der deutschen Kunst- und Kulturszene verharmlosten israelbezogenen Antisemitismus und wehrten Kritik an BDS-nahen Akteuren wie Achille Mbembe und dem Documenta-Kollektiv Ruangrupa als rassistisch oder als Angriff auf die Kunstfreiheit ab. Die Kontroversen verdeutlichten, wie antisemitische Positionen unter dem Deckmantel postkolonialer und antirassistischer Überzeugungen verteidigt wurden. Nach dem 7. Oktober 2023 zeigten sich erste Anzeichen eines Umdenkens und politische Konsequenzen, eine grundlegende Kehrtwende blieb jedoch ungewiss.

Die antisemitische Querfront

Teile der woken und marxistischen Linken betrachten muslimische und pro-palästinensische Gruppen als Bündnispartner gegen einen vermeintlich imperialistischen Westen und lehnen Israel als "koloniales Projekt" ab. Gruppen wie Palästina spricht und Samidoun feierten den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, während andere ihn als antikoloniale Gegenwehr rechtfertigten. Die Verharmlosung des Massakers ging mit antisemitischen Parolen und der Verurteilung israelischer Militärmaßnahmen gegen die Hamas einher.

Susanne Schröter

Einleitung

Lesezeit: 1 Minute

 © Susanne Schröter, September 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Der Herbst 2023 war eine Zäsur. Terroristen aus Gaza hatten in Südisrael ein Massaker verübt, das jegliche Vorstellungskraft sprengte, doch in Deutschland feierten woke Linke und Islamisten dies als gelungene Widerstandsaktion. Teile von Black Lives Matter und Fridays for Future entpuppten sich als glühende Hamas-Anhänger. Auf deutschen Straßen randalierten Israelfeinde und Antisemiten, ohne von der Polizei daran gehindert zu werden, und in Essen forderten 3.500 Islamisten öffentlich die Errichtung eines Kalifats. Davidsterne wurden auf die Eingangstüren jüdischer Wohnungen geschmiert, jüdische Sportvereine mussten Trainings und Spiele nach Bedrohungen absagen, jüdische Kinder blieben Kitas und Schulen fern, weil die Eltern um ihre Sicherheit fürchteten. Wie in einem Brennglas wurden die Versäumnisse der Islam- und Einwanderungspolitik sichtbar. Doch damit nicht genug. An den Universitäten bedrohten diejenigen, die gerne safe spaces für sich einfordern, jüdische Kommilitonen, während Feministinnen zu Massenvergewaltigungen von Jüdinnen schwiegen. Unübersehbar zeigte sich das hässliche Gesicht der woken Ideologie, wurde deutlich, wie eng Antisemitismus, Islamismus und linke Theorien miteinander verwoben sind.

Susanne Schröter

Was geschah am 7. Oktober 2023 ?

Lesezeit: 4 Minuten

 © Susanne Schröter, Oktober 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Der Angriff der Hamas und weiterer palästinensischer Terrorgruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 war ein Massaker an der Zivilbevölkerung mit schwersten Gewalttaten. Er hatte zum Ziel, einen Krieg auszulösen, die arabisch-israelische Annäherung zu verhindern und durch das Leid palästinensischer Zivilisten internationale Unterstützung gegen Israel zu mobilisieren. Die UN und Teile der deutschen Politik haben den relativiert, sexualisierte Gewalt unzureichend verurteilt und finanzieren problematische Hilfsstrukturen weiterhin.

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Am 7. Oktober 2023 überschritten Kommandos der Hamas und des Islamischen Dschihad die Grenze von Gaza nach Israel und richteten ein beispielloses Blutbad an. Sie drangen in Kibbuzim ein, durchsuchten Häuser und ermordeten wahllos Juden, oft, nachdem sie ihre Opfer zuvor gefoltert und jede nur erdenkliche Art von Grausamkeit begangen hatten. Kleinen Kindern wurden bei lebendigem Leib Gliedmaßen abgeschnitten, einer Schwangeren schlitzte man den Bauch auf, zerrte den Fötus heraus und massakrierte ihn mit einem Messer. Babys wurden lebendig verbrannt, enthauptet oder an Türklinken aufgehängt, Mädchen in Gruppen erschossen, Familienmitglieder gefesselt und einander gegenübergesetzt, während man sie mit Messern traktierte. Auf einem Festival in der Negev-Wüste wurden junge Frauen vergewaltigt und abgeschlachtet, teilweise wurden ihre entblößten Leichen anschließend im Triumpf durch Gaza gefahren und dort „Allahu akbar“-brüllenden Massen zum Bespucken freigegeben. Junge palästinensische Männer, die der Hamas nach Israel folgten, machten selbst Jagd auf junge Frauen, die dem Massaker entkommen waren und sich versteckt hielten. Zurückverfolgte Anrufe der Schlächter zeigten, dass sie von ihren Müttern gelobt wurden, weil sie Juden getötet hatten.

 

Die Hamas, der Islamische Dschihad und andere palästinensische Terrorgruppen haben einen solchen Pogrom immer wieder angekündigt. Beispielsweise bei den sogenannten Märschen der Rückkehr in den Jahren 2018 und 2019, bei denen sie Bewaffnete und Unbewaffnete auf die Grenze zwischen Gaza und Israel zumarschieren ließen. Die palästinensische Propaganda verwendete schon damals die Sprache des Massakers, und Interviewte gaben als Ziel an, bei einem Grenzübertritt so viele Israelis wie möglich zu töten. Das israelische Militär verhinderte das geplante Gemetzel regelmäßig, doch in den westlichen Medien stand es deshalb stets am Pranger. Die Palästinenser wurden dabei gern als Opfer einer hochgerüsteten Armee bedauert, wozu auch beitrug, dass die Hamas stets radikalisierte Kinder in die ersten Reihen stellte. Jetzt wissen wir, was geschieht, wenn die Soldaten nicht eingreifen.

 

Die Hamas ist eine extrem gewalttätige islamistische Organisation, die in ihrer Charta die Vernichtung Israels und die Ermordung aller Juden festgeschrieben hat. Seit 2006 ist sie in Gaza an der Macht. Israel hatte 2005 alle jüdischen Siedlungen und die gesamte Verwaltung in der Hoffnung geräumt, dafür einen Friedensprozess einzuleiten, doch die Hamas hatte dies als Zeichen der Schwäche ihres erklärten Gegners genutzt, um eine islamistische Militärstation aufzubauen. Die Finanzierung soll aus dem Iran und aus Katar erfolgt sein, aber es wird auch vermutet, dass finanzielle Mittel zweckentfremdet wurden, die von der Europäischen Union und von Deutschland gezahlt wurden. Das Ziel der Barbarei vom 7. Oktober war es, Israel in einen Krieg zu zwingen, berichtete der Hamas-Funktionär Khalil al-Hayya gegenüber der New York Times. Die beginnende Normalisierung zwischen mehreren arabischen Staaten und Israel sollte mit allen Mitteln verhindert werden. Dabei wurden palästinensische Opfer nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern waren geradezu gewollt. Um die muslimischen Staaten und letztendlich auch die Weltgemeinschaft gegen Israel aufzubringen, benötigte die Hamas Bilder der Zerstörung und des Leidens der Zivilbevölkerung. Die perfide Strategie ging auf.

 

Ohnehin kommt man nicht umhin sich einzugestehen, dass das Gemetzel an Juden weltweit kaum Reaktionen des Mitleids hervorrief. Wer annahm, dass die detaillierten Informationen über den Massenmord oder die Bekenntnisse des Hamas-Führers national und international zu einer einhelligen Verurteilung führen würden, sah sich getäuscht. Vielerorts wurde das Blutbad der Hamas als Sieg über die verhassten Israelis gefeiert, und selbst der amtierende UN-Generalsekretär Antonio Guterrez wollte berücksichtigt wissen, dass der terroristische Angriff nicht in einem luftleeren Raum stattfand, denn die Palästinenser würden seit 56 Jahren unter einer „erstickenden Besatzung“ leiden. Vor diesem Hintergrund war es nicht verwunderlich, dass Anfang November eine UN-Resolution verabschiedet wurde, die auf eine klare Benennung der Hamas als terroristische Organisation verzichtete und einen sofortigen Waffenstillstand forderte. Ohnehin glänzte die UN wieder einmal dadurch, dass sie das Spiel der Terroristen mitspielte. Das unsägliche Leid, das auch die palästinensische Zivilbevölkerung erlitt, wurde nicht mit der Hamas in Verbindung gebracht, und selbst als Beweise auftauchten, dass die Terrororganisation Krankenhäuser, Schulen und Kindertagestätten für militärische Zwecke missbrauchte, beeindruckte dies nicht. Diejenigen, die das Massaker durch vermeintliche Kontexte relativierten, ließen Kontexte der israelischen Selbstverteidigung nicht gelten. Die unverschleierte Doppelmoral der UN zeigte sich zudem in einem ohrenbetäubenden Schweigen angesichts der sexualisierten Gewalt der Terroristen. Massenvergewaltigungen und Verstümmelungen israelischer Frauen und Mädchen wurden von denjenigen verschwiegen, die gewöhnlich vorgeben, für Gewalt gegen Frauen sensibilisieren zu wollen.

 

Deutschland enthielt sich bei der Abstimmung zur Verurteilung Israels. Die Bundesaußenministerin, die ihre Außenpolitik als feministisch inspiriert verstanden wissen möchte, schwieg auf dem UN-Parkett zu dem größten Femizid der letzten Jahre. Ohnehin vermisste man in der deutschen Politik eine eindeutige Haltung. Während sich einige Politiker sehr klar auf der Seite Israels positionierten und das Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Staates unterstützten, übten sich andere in Relativierungen. Einer von ihnen war Christoph Heusgen, der langjährige Berater Angela Merkels, ehemaliger UN-Botschafter in New York und 2023 Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Heusgen stellte sich in einem Interview mit Dunja Hayali im ZDF hinter Guterres und gab zum Besten, dass der Angriff der Hamas auch seiner Meinung nach nicht in einem Vakuum stattgefunden haben, da Israel das Völkerrecht breche. Eine israelische Bodenoffensive müsse verhindert und eine diplomatische Lösung gefunden werden.

 

Innerhalb der Bundesregierung zeigte die Bundesfamilienministerin Lisa Paus eine bemerkenswerte Sprachlosigkeit, als sie von einer Journalistin gefragt wurde, ob sie ein Bekenntnis zu Israel als Grundlage für eine Einbürgerung befürworte. Die Reaktion wurde in den Kontext ihrer vormaligen Ablehnung einer Resolution der Bundesregierung zur sogenannten BDS-Bewegung gestellt. Im Jahr 2019 hatte der Deutsche Bundestag die BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt und war damit einer Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance gefolgt. Wer das Existenzrecht Israels bestreitet, handelt demnach antisemitisch und wird von staatlichen Förderungen ausgeschlossen. Auch öffentliche Auftritte werden erschwert. Die Zustimmung war jedoch alles andere als ungeteilt. Aus den Reihen der Grünen hatte auch die heutige Kulturstaatsministerin Claudia Roth den Antrag abgelehnt.

Bezeichnend für die deutsche Politik war zudem, dass Zahlungen an das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA nach einem kurzen Innehalten fortgeführt und sogar um 20 Millionen erhöht wurden. DIE UNRWAR steht seit langem im Verdacht, internationale Hilfsgelder für antisemitische und terrorverherrlichende Schulbücher zu verwenden. Gesichert ist außerdem, dass UNWAR-Lehrer das Hamas-Massaker als gelungene Aktion feierten.

Susanne Schröter

Muslimischer Antisemitismus und das Kalifat

Lesezeit: 6 Minuten

 © Susanne Schröter, Oktober 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Erdoğan verteidigte die Hamas als Befreiungsbewegung, während deutsche muslimische Verbände den Angriff vom 7. Oktober zunächst nur zögerlich verurteilten und durch einseitige Schuldzuweisungen an Israel relativierten. Ausländische Einflussnahme und jahrzehntelange Verharmlosung durch Politik und Kirchen begünstigten israelfeindliche und antisemitische Einstellungen in Teilen muslimischer Milieus. Islamistische Kalifatsforderungen, antisemitische Demonstrationen und die Radikalisierung Jugendlicher in Schulen und Jugendeinrichtungen machten das Ausmaß dieser Probleme sichtbar.

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Auch in der Türkei wurden am 7. Oktober pro-palästinensische Siegesfeiern abgehalten. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der sich gern als Führer der muslimischen Gläubigen inszeniert, nutzte die Gunst der Stunde, um sich auf die Seite der Hamas zu stellen. Während er Israel als Kriegsverbrecher schmähte, verteidigte er die Hamas als Befreiungsgruppe.

 

Das hatte auch Auswirkungen auf Deutschland. Die muslimischen Verbände, die allesamt Partner des Staates und der Kirchen sind, blieben zunächst einmal stumm. Erst nach zahlreichen Aufforderungen und Presseanfragen konnte man die ersten Erklärungen lesen. Ein Beispiel ist der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), dessen umtriebiger Vorsitzender Aiman Mazyek ein gern gesehener Gast im politischen Berlin ist. Am 8. Oktober ließ man seitens des Verbandes verlautbaren, dass man Angriffe auf die Zivilbevölkerung verurteile, betrieb jedoch bereits im dritten Satz eine spektakuläre Täter-Opfer-Umkehr: „Zutiefst verstörend ist es“, heißt es da, „dass Siedler flankiert durch die israelische Armee seit zwei Jahren palästinensische Dörfer und die Al-Aqsa-Moschee angreifen, ohne dass die internationale Gemeinschaft eingreift.“ Dazu ist zu sagen, dass Israel im Jahr 2005 alle jüdischen Siedlungen in Gaza aufgelöst sowie die zivile und militärische Infrastruktur in der Hoffnung, Land für Frieden zu tauschen, abgezogen hatte. Kein einziger Jude lebt dort mehr. 2005 wurde die Hamas gewählt und verwandelte ihr Herrschaftsgebiet umgehend in einen Militärstützpunkt, von dem aus Israel regelmäßig angegriffen wird. In ihrer Charta hat sie als Ziel die Vernichtung des jüdischen Staates und die Ermordung aller Juden festgeschrieben. Davon konnte man in der Verlautbarung des muslimischen Zentralrates allerdings nichts lesen. Dass die Al-Aqsa-Moschee regelmäßig zum Stützpunkt gewalttätiger Palästinenser mutiert, die von diesem Ort aus Attacken auf die Polizei starten, wurde ebenfalls nicht erwähnt. Die angesprochene Siedlungspolitik im Westjordanland wird von einem großen Teil der israelischen Bevölkerung abgelehnt und war sicherlich nicht der Grund, im Süden des Landes Menschen abzuschlachten, die mehrheitlich eine gute Nachbarschaft mit Palästinensern pflegten und ihnen bei Arbeitsvisa oder der medizinischen Versorgung zur Seite standen. Die Behauptungen des ZMD stehen in der Tradition einer Dämonisierung Israels, wie sie in islamistischen Kreisen seit Jahrzehnten gepflegt wird. Dass die Täter-Opfer-Umkehr selbst angesichts der beispiellosen Barbarei der vergangenen Tage aufrechterhalten wurde, war allerdings ernüchternd. Der ZMD ist Kooperationspartner bei der einzigen universitären Imam-Ausbildung in Deutschland, dem Islamkolleg in Osnabrück. Gefördert von der Bundesregierung und dem Land Niedersachsen soll hier religiöses Personal ausgebildet werden, das grundgesetzkonform ist und auf Muslime betreffende Herausforderungen angemessen reagieren kann. Ob dies mit einem Praxispartner wie dem ZMD gelingen kann, muss ernsthaft bezweifelt werden.

 

Der Koordinierungsrat der Muslime, dem alle großen Verbände angehören, versuchte sich mit einer Verharmlosung des Massakers zu positionieren. Man gab eine Pressemitteilung zur Eskalation am Gazastreifen zwischen Hamas und Israel heraus, als ob es sich um ein beidseitiges Grenzscharmützel gehandelt hätte. Ohne auf die andauernde Gefahr für die israelische Bevölkerung durch die Hamas einzugehen, wurde ein Waffenstillstand gefordert. Das Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Staates, dessen Bestehen nicht zuletzt davon abhängt, dem Terror mit militärischen Mitteln ein Ende zu setzen, wurde faktisch negiert. Ein Verweis auf das Leid der palästinensischen, aber nicht der israelischen Bevölkerung durfte bei so viel Relativierung und Ausblendung der tatsächlichen Gräueltaten nicht fehlen. Keine Rede war davon, dass etwa 250 Menschen, darunter betagte Holocaust-Überlebende und Kleinkinder, ja sogar ein zehn Monate altes Baby, als Geiseln nach Gaza verschleppt worden waren.

 

Die islamischen Gruppierungen und Verbände in Deutschland sind fast ausnahmslos von ausländischen Regierungen und Stiftungen abhängig oder gehören zu großen internationalen Organisationen wie der Muslimbruderschaft. Einflüsse kommen unter anderem aus dem Iran, der Türkei und dem arabischen Golf. Der Hass gegen Israel ist dabei nicht selten Programm. Im Iran gehört das Bekenntnis zur Vernichtung des jüdischen Staates sogar zur Staatsdoktrin. Die schlecht kaschierte Israelfeindschaft vieler organisierter Muslime und der Hass auf Juden, der in Deutschland immer wieder öffentlich sichtbar wird, hat auch etwas mit solchen Einflussnahmen zu tun. Seitens der Politik und der Kirchen wurde dieses Problem jahrzehntelang verharmlost und Antisemitismus fast ausschließlich auf der Seite des deutschen Rechtsextremismus verortet. Jetzt half das Augenverschließen allerdings nicht mehr weiter.

 

Um ein Zeichen für den interreligiösen Zusammenhalt zu setzen, organisierte Nathanael Liminski, der Chef der Staatskanzlei in Nordrhein-Westfalen, wo die Zentralen der größten muslimischen Verbände ihren Sitz haben, gemeinsame Besuche von Muslimen und Juden in Moscheen und Synagogen. Zusätzlich bereitete er mit dem Bundesinnenministerium eine Erklärung vor, in der der terroristische Angriff der Hamas eindeutig verurteilt wurde. Elf muslimische Verbände konnten dazu bewogen werden, das Dokument zu unterzeichnen, das anschließend auf der Internetseite der Deutschen Islamkonferenz veröffentlicht wurde. Dass die Aktion weniger geglückt war als zunächst angenommen, zeigte sich daran, dass die Verbände die Erklärung mehrheitlich nicht auf ihren eigenen Webseiten publizierten. Vielmehr stellten sie Bekundungen ein, die deutlich von der ausgehandelten Verlautbarung der Islamkonferenz abwichen. So beginnt die Seite des Islamrates mit der Verurteilung eines Angriffs auf ein Krankenhaus in Gaza. Dieser wurde zunächst, unter Berufung auf Quellen der Hamas, Israel zur Last gelegt, doch Untersuchungen zeigten, dass es sich um eine Rakete der Hamas gehandelt haben muss. Der größte Teil des Textes des Islamrates bestand aus einer Beschwerde darüber, dass man zur Abgabe von Erklärungen genötigt worden war. Ausschweifend wurde darüber geklagt, dass Muslime wieder einmal an den Pranger gestellt würden, obwohl sie einen wichtigen Beitrag für Frieden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten würden. Auch DITIB-Funktionäre klagten, zu Verlautbarungen gedrängt worden zu sein. Die DITIB ist der größte islamische Verband in Deutschland und unterhält 1.000 Moscheen. Sie ist eine Gründung der türkischen Religionsbehörde Diyanet und von dieser in personeller, finanzieller und theologischer Hinsicht abhängig. Der Diyanet-Vorsitzende Ali Erbas hatte Israel in der ersten Freitagspredigt nach dem Massaker als „rostigen Dolch im Körper der islamischen Geographie“ bezeichnet und seitdem keinen Zweifel daran gelassen, dass er, wie sein Dienstherr Erdogan, die Hamas als Befreiungsbewegung verstand. Eine Distanzierung von Ali Erbas wird man von der deutschen DITIB allerdings auch deshalb nicht erwarten dürfen, weil Sympathiebekundungen mit Israel in der eigenen Community schlecht ankommen würden.

 

In vielen muslimischen Milieus in Deutschland ist die Stimmung nämlich eindeutig gegen Israel gerichtet. Das ist keine neue Erkenntnis, denn immer wieder fielen Moscheevorstände und Imame in der Vergangenheit mit israelfeindlichen Äußerungen auf, wurden von muslimischen Jugendorganisationen antisemitische Posts veröffentlicht und religiöse Autoritäten zitiert, die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl machten. Da sie sich außerdem strikt antiwestlich gaben, konnten sie einen Schulterschluss mit eher säkular ausgerichteten Israelfeinden vollziehen, die die israelfeindlichen Demonstrationen mitgestalteten. Auf Demonstrationen, die von diesen Gruppen initiiert wurden, standen Teilnehmer im typischem links-autonomem Outfit mit bunten Haaren und Piercings neben verschleierten Frauen und bärtigen Männern. Auch das Spektrum der Parolen war denkbar breit und reichte von „From the river to the sea, Palestine will be free“, mit dem die Auslöschung der Existenz Israels gefordert wird, weil die Umschreibung das gesamte Staatsgebiet umfasst, über „Yallah Intifada“ zur Erinnerung an zwei gewaltsam verlaufende Aufstände in den palästinensischen Gebieten bis hin zu „Allahu akbar“, „Gott ist größer“.

 

„Allahu akbar“ riefen auch die 3.500 Demonstranten, die am 3. November streng geschlechtergetrennt durch Essen zogen. Sie trugen Plakate, auf denen ein islamischer Gottesstaat gefordert wurde, und schwarze Transparente, auf denen das muslimische Glaubensbekenntnis in weißen arabischen Lettern zu lesen war. Solche Banner kennen wir vom IS oder von anderen islamistischen Terrororganisationen. Höhepunkt der Veranstaltung war eine einstündige Rede des Islamisten Ahmad Tamim, der bereits am 22. Oktober in Berlin bei einem spektakulären öffentlichen Gebet muslimischer Männer am Alexanderplatz in Erscheinung getreten war. Öffentliche Gebete werden von radikalen Muslimen gern als Machtdemonstration in politischen Auseinandersetzungen genutzt, weil man sich bei Bedarf immer auf die Religionsfreiheit zurückziehen kann. Tamim gehört der Gruppe Generation Islam an, die ebenso wie zwei weitere Gruppierungen namens Realität Islam und Muslim interaktiv unter Muslimen aktiv für einen islamischen Staat werben. Nach Angaben des Verfassungsschutzes handelt es sich um Nachfolgeorganisationen der Bewegung Hizbut Tahrir, die 2013 wegen verfassungsfeindlicher Umtriebe mit einem Betätigungsverbot belegt wurde. Die drei Gruppierungen haben ihre Basis in Hamburg, Berlin und im Rhein-Main-Gebiet. Ihr wichtigstes Wirkungsfeld sind die sozialen Medien, in denen sie ihre Botschaften an eine mehrheitlich junge muslimische Bevölkerung richten und immer wieder Kampagnen starten, die sich an aktuellen Themen orientieren. Im Herbst 2023 instrumentalisierten sie den Nahostkonflikt, wobei sie keinen Zweifel daran ließen, dass es ihnen eigentlich um ein größeres Projekt geht. Ahmad Tamim schwor seine Zuhörer in Essen darauf ein, dass sich die Muslime gegen Israel und den Westen erheben, die Nationalstaaten auflösen und ein Kalifat errichten sollten, wie es von Gott gewollt sei. Die Menge dankte ihm mit lauten „Allahu akbar“-Rufen.

 

Nirgendwo wurde das Ausmaß des muslimischen Antisemitismus jedoch deutlicher als in Schulen und Jugendeinrichtungen. Anfang November 2023 ging ein Sprecher des Kinder- und Jugendhilfswerks Arche an die Presse, weil er von jungen Islamisten provoziert wurde. In der BILD wurden diese Jugendlichen mit den Worten: „Zuerst schneiden wir den Juden die Kehle durch, dann den Schwulen und zum Schluss den Christen“ zitiert. Solche Probleme mit islamistischer Radikalisierung unter Jugendlichen seien nicht neu, bekannte eine Mitarbeiterin der Arche im Tagesspiegel. Die Arche betreut 7.000 Kinder und Jugendliche, von denen 60 bis 70 Prozent arabischer Herkunft sind, in 300 Einrichtungen. Viele von ihnen sind seit 2015 aus Syrien gekommen. Von Integration ist bei diesen jungen Menschen offenbar nichts zu merken. Auch der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes berichtete über eine angespannte Situation in vielen Schulen. Besonders in arabischen Familien herrsche ein gefestigtes antisemitisches Weltbild. Israel und jüdische Menschen würden in den Familien sowie in den Medien ihrer Heimatländer als Feinde dargestellt, und die Kinder bewegten sich in einem antisemitischen und israelfeindlichen Mikrokosmos. Besser kann man die Existenz von parallelgesellschaftlichen Strukturen nicht in Worte fassen, doch Politik und Pädagogen scheinen hilflos. In Neukölln kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen einem „Allahu akbar“ rufenden Schüler, der auf dem Schulhof die palästinensische Flagge geschwenkt hatte, und einem Lehrer, in Kreuzberg liefen Beratungshotlines heiß. Dass die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, Berliner Verhältnisse angesichts solcher Missstände positiv hervorhebt, mutet wie ein schlechter Scherz an. Berlin habe ein Antidiskriminierungsgesetz und könne Antisemitismus daher besser bekämpfen als andere Bundesländer, die jetzt nachziehen müssten, sagte sie am 13. Oktober gegenüber der ZEIT.

Susanne Schröter

Kultivierte Feindschaft

Lesezeit: 6 Minuten

 © Susanne Schröter, Oktober 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Teile der deutschen Kunst- und Kulturszene verharmlosten israelbezogenen Antisemitismus und wehrten Kritik an BDS-nahen Akteuren wie Achille Mbembe und dem Documenta-Kollektiv Ruangrupa als rassistisch oder als Angriff auf die Kunstfreiheit ab. Die Kontroversen verdeutlichten, wie antisemitische Positionen unter dem Deckmantel postkolonialer und antirassistischer Überzeugungen verteidigt wurden. Nach dem 7. Oktober 2023 zeigten sich erste Anzeichen eines Umdenkens und politische Konsequenzen, eine grundlegende Kehrtwende blieb jedoch ungewiss.

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Dass die drastischsten Aktionen gegen Israel, die im universitären Umfeld bekannt wurden, an der Universität der Künste in Berlin stattfanden, ist vielleicht kein Zufall, wenn man bedenkt, dass die Kunst- und Kulturszene zu den härtesten Israelfeinden der Republik gehört. Ein Jahr nach Verabschiedung der Bundestagsresolution zur BDS-Bewegung, in der diese als antisemitisch verurteilt wurde, veröffentlichten die Leiter namhafter Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland die Initiative GG 5.3. Weltoffenheit. Der Bundestagsbeschluss gefährde die Wissenschafts- und Kunstfreiheit, also Artikel 5.3 des Grundgesetzes, argumentierten sie. Man benötige streitbare und kontroverse Debatten. „Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch marginalisierten und ausgeblendeten Stimmen, die für kulturelle Vielfalt und kritische Perspektiven stehen. Der gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus steht im Zentrum unserer Initiative“, heißt es in dem Papier. Bislang fielen Vertreter der postkolonialen Theorie sowie die selbsternannten Kämpfer gegen Rassismus nicht durch eine besondere Diskursbereitschaft, geschweige denn durch die Befürwortung kontroverser Debatten auf. Daher war anzunehmen, dass lediglich befürchtet wurde, bestimmte marginalisierte Stimmen nicht mehr hören zu können, wenn sie sich als antisemitisch entpuppen sollten. Und richtig, bereits im folgenden Absatz wurde auf den Autoren Achille Mbembe Bezug genommen, der 2020 die Ruhrtriennale eröffnen sollte. Mbembe ist ein im Westen gefeierter afrikanischer Wissenschaftler, der aufgrund seiner Daueranklagen gegen den Westen einen Preisträgermarathon absolvierte. Jede Einrichtung wollte den smarten Vertreter des globalen Südens auszeichnen, der es verstand, einem so unnachgiebig die Leviten zu lesen. Doch 2020 wurden plötzlich Stimmen laut, die eine andere Seite des Philosophen in den Blick rückten. Er war nämlich nicht nur ein Ankläger des Westens, was man in den gehobenen Schichten des urban-gebildeten Bürgertums als Sinnbild eines vorzüglich gezähmten, weil selbst bürgerlich gewordenen Dissidententums goutierte, sondern auch ein unversöhnlicher Antisemit. In mehreren Publikationen hatte er ein dämonisches Zerrbild des israelischen Staates gezeichnet. In einem Vorwort zu dem Sammelband Apartheid Israel aus dem Jahr 2015 schrieb er beispielsweise, die Besetzung der palästinensischen Gebiete „sei der größte moralische Skandal unserer Zeit“ und eine der „am meisten entmenschlichten Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind“. Ob Mbembe noch niemals vom syrischen oder jemenitischen Bürgerkrieg gehört habe, fragte Remko Lemhuis vom American Jewish Comitee Berlin daraufhin in der TAZ. Doch Mbembe müsse gar nicht so weit gehen. Ein Blick nach Simbabwe, wo Präsident Mugabe jahrzehntelang grausam geherrscht habe, oder zur humanitären Katastrophe am Tschadsee oder in die von Boko Haram terrorisierten Gebiete Westafrikas würde bereits ausreichen, um diese Aussage ad absurdum zu führen. Doch Mbembe sparte nicht mit moralischen Superlativen, um Israel der schlimmsten denkbaren Menschenrechtsverletzungen zu bezichtigen. Israel wolle „mit Gemetzel, Zerstörung und schrittweiser Ausrottung“ der Palästinenser „den ganzen Weg gehen“, liest man in dem Vorwort. Als Täter der angeblich genozidalen Bestrebungen nennt er die Armee, die Polizei, die Siedler, die Piloten der Bombenangriffe, die Zeloten und die Kohorte der internationalen Pharisäer. Der Text endet mit der Feststellung, dass jetzt die Zeit für eine globale Isolation Israels gekommen sei. Abgesehen davon, dass Mbembe durch die Verwendung der Begriffe Zeloten und Pharisäer klassische antijüdische Ressentiments bediente, offenbarte er sich in seinem Text als Anhänger der BDS-Bewegung. Es war nicht das einzige Mal, dass er sich derartig positionierte. Im gleichen Jahr hatte er eine Erklärung unterzeichnet, in der ein wissenschaftlicher Boykott Israels gefordert wurde, und 2018 erzwang er die Ausladung der israelischen Psychologin Shifra Sagy von einer Konferenz an der Universität Stellenbosch.

 

Angesichts solcher Befunde forderten Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte des Bundes, und der Abgeordnete Lorenz Deutsch, der für die FDP im nordrhein-westfälischen Landtag saß, die Eröffnung der Ruhrtriennale durch Mbembe zu überdenken. Dazu kam es jedoch nicht, da die gesamte Veranstaltung schließlich abgesagt wurde. Für das Thema des Kulturkampfes ist allerdings weder die Absage der Triennale noch der Vorschlag relevant, dass Mbembe die Eröffnungsrede halten sollte, die wiederum Kritik hervorrief. Es sind vielmehr die Reaktionen auf die Debatte, die uns zu denken geben müssen. Von Anbeginn formierte sich nämlich ein gewaltig anschwellender Protest der woken Kulturszene, die einen der wichtigsten Protagonisten ihrer Ideologie an den Pranger gestellt sah. Der Afrikahistoriker Andreas Eckert glaubte „Anzeichen einer Hexenjagd“ zu erkennen, und eine internationale Gruppe von Künstlern und Intellektuellen forderte die Entlassung des Antisemitismusbeauftragten. Darunter waren Pioniere der postkolonialen Theorie wie Étienne Balibar und Gayatri Chakravorty Spivak, Ethnologen wie Arjun Appadurai und Peter Geschiere sowie notorische Advokaten des Islamismus wie Farid Hafez. 700 sich selbst als Intellektuelle, Denker, Wissenschaftler und Künstler aus Afrika bezeichnende Personen zogen nach und unterzeichneten eine ähnliche Petition, die sich an Angela Merkel richtete. Darin heißt es: „Wir verurteilen die lügnerischen Antisemitismus-Anschuldigungen rechtsextremer, fremdenfeindlicher und rechtskonservativer Gruppierungen in Deutschland gegen Professor Achille Mbembe.“ Da war sie wieder, die reflexartige Denunziation von Kritik als rechtsextrem, die die gesamte postkoloniale Ideologie durchzieht. Doch damit nicht genug, wurde die Petition zum großen Rundumschlag gegen Deutschland, dem man postkolonial lehrbuchhaft einen tief verwurzelten Rassismus unterstellte. Felix Klein habe sich der Förderung von Rassismus schuldig gemacht, heißt es, und „das Ansehen Afrikas zutiefst beschädigt“. Deshalb müsse er fristlos entlassen werden. Es könne keine echte Beziehung zwischen Afrika und Deutschland geben, solange ein Verhältnis aufrechterhalten werde, „das auf Rassismus, Lügen und Bevormundung“ bestehe. Nach einigen Exkursen zum transatlantischen Sklavenhandel, dem deutschen Kolonialismus und der Forderung einer Rückgabe afrikanischer Kulturgüter, die sich in deutschen Museen befänden, wurde der Nationalsozialismus als eine Spielart des Kolonialismus bezeichnet. Mit dem Satz, Afrika sei „ein Kontinent der Gastfreundschaft, in dem Fremde willkommen geheißen, gepflegt und respektiert“ würden, wurde das Ende des Briefes eingeleitet. Diesen Respekt verlange man auch von Deutschland, schloss man und fordere daher „die Achtung und den Schutz“ afrikanischer Künstler, Philosophen sowie aller afrikanischen Bürger „vor rassistischen Schikanen“. Patrick Bahners hat die Herkunft der unterzeichnenden Afrikaner in der FAZ genüsslich als mehrheitlich westlich identifiziert. Offenbar sollte signalisiert werden, „Wir alle sind Achille, wir alle sind afrikanische Intellektuelle“.

 

Die Causa Mbembe schlug hohe Wellen, weil sie in den Feuilletons kontrovers diskutiert wurde, doch letztendlich war sie nur eines von vielen Ereignissen, an denen sichtbar wurde, dass gerade diejenigen, die vorgaben, einen Kampf gegen Rassismus zu führen, sich in einem israelbezogenen Antisemitismus eingerichtet hatten, der in Deutschland die vorherrschende Form des Antisemitismus ist. Im Jahr 2022 ereignete sich auf der Documenta 15 eine Fortsetzung der Debatte. Man hatte dem indonesischen Kunstkollektiv Ruangrupa die künstlerische Leitung übertragen, obwohl einige seiner Mitglieder nachweislich in der BDS-Bewegung aktiv waren. Warnungen wurden als rassistisch abgewehrt. Selbst der Umstand, dass keine israelischen Künstler eingeladen wurden, beunruhigte weder die Veranstaltungsleitung noch die Staatsministerin Claudia Roth, die als Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien amtierte. Roth gehörte zu den Abgeordneten, die die BDS-Resolution des Deutschen Bundestages nicht befürworteten. Angela Dorn, wie Roth Mitglied der Grünen Partei, die in Hessen als Ministerin für Wissenschaft und Kunst für die Documenta 15 verantwortlich war, sah ebenfalls keine Probleme. Als die Öffentlichkeit auf Kunstwerke aufmerksam gemacht wurde, die eine eindeutig antisemitische Bildsprache zeigten, versuchte man sich in Schadensbegrenzung und setzte eine Kommission ein, die mit der Aufarbeitung betraut wurde. Eine wirkliche Einsicht folgte vielerorts allerdings nicht. Manch einer hielt die Bestürzung über Darstellungen von Juden mit Schweinskopf und langen Fangzähnen oder über eine Gleichsetzung der israelischen Armee mit der nationalsozialistischen Legion Condor für eine nicht ernst zu nehmende deutsche Befindlichkeit. Dass linke Studenten im Jahr 2023 ein Ende der deutschen Schuld forderten, liegt in solchen Verharmlosungen begründet. Zwei Mitglieder von Ruangrupa erhielten im Anschluss an die Documenta Verträge für Gastprofessuren an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Im Herbst 2023 wurde bekannt, dass sie auf Instagram das Video einer die Hamas unterstützenden Demonstration mit Likes versehen hatten. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

 

Seit dem 7. Oktober scheint bei einigen, die Antisemitismus vorher ausschließlich als Problem von Rechtsextremisten verstanden hatten, Erschrecken eigesetzt zu haben. Die Soziologin Eva Illouz, die die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit unterzeichnet hatte, gab sich vom Verhalten der Linken schockiert. Mörderischer Antisemitismus, schrieb sie in der Zeitschrift Der Freitag, sei nicht nur blitzschnell internationalisiert worden, sondern habe auch irrigerweise die Verkleidung eines Kampfes gegen den Kolonialismus angenommen. Die Bundesinnenministerin, die das Problem des Islamismus bei ihrem Amtsantritt so gering einschätzte, dass sie einen bestehenden Expertenkreis auflöste, erließ am 2. November 2023 ein Betätigungsverbot für Hamas und Samidoun. Erste Konsequenzen erfolgten auch auf der Deutschen Islamkonferenz, die eigentlich dem Thema des muslimischen Antisemitismus gewidmet sein sollte. Hektisch änderte man den Titel in Sozialer Frieden und demokratischer Zusammenhalt: Bekämpfung von Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung. Zwei Podiumsdiskussionen sollten zudem Antisemitismus mit Muslimfeindlichkeit in Verbindung bringen. Die Referenten entstammten weitgehend dem üblichen islamo-linken Spektrum, doch als deutliches Zeichen waren keine Vertreter der großen muslimischen Verbände eingeladen. In einer Ansprache zu Beginn der Konferenz sprach Ministerin Nancy Faeser für sie ungewohnt klare Worte in Richtung des deutschen Verbandsislams und rügte, dass man zwar nach außen bereit sei, deutsche Wünsche nach Abgrenzung von der Hamas zu erfüllen, nach innen aber eine andere Sprache spreche.

 

Ob diese Beispiele Hinweise auf eine mögliche Kehrtwende sind, ist allerdings nicht sicher, da sich die maßgeblichen Akteure der woken Linken entweder bereits in gewohnter Manier positioniert haben oder es vorgezogen haben, einstweilen zu schweigen, bis sich die Empörung wieder gelegt hat.

Susanne Schröter

Die antisemitische Querfront

Lesezeit: 12 Minuten

 © Susanne Schröter, Oktober 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Teile der woken und marxistischen Linken betrachten muslimische und pro-palästinensische Gruppen als Bündnispartner gegen einen vermeintlich imperialistischen Westen und lehnen Israel als "koloniales Projekt" ab. Gruppen wie Palästina spricht und Samidoun feierten den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, während andere ihn als antikoloniale Gegenwehr rechtfertigten. Die Verharmlosung des Massakers ging mit antisemitischen Parolen und der Verurteilung israelischer Militärmaßnahmen gegen die Hamas einher.

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Muslime werden von woken Linken nicht nur zu Opfern eines angeblich omnipräsenten antimuslimischen Rassismus stilisiert, sie werden auch als Allianzpartner gegen einen vermeintlich rassistischen und imperialistischen Westen hofiert. Bei einigen dieser linken Gruppen handelt es sich um marxistische Aktivisten, die Israel sowohl als Überbleibsel eines europäischen Kolonialismus als auch als Bollwerk des Westens im arabisch-muslimischen Raum verurteilen. Dazu gehören die bereits bekannten Studis gegen rechte Hetze, das Netzwerk Migrantifa, Zora, Young Struggle und die diversen Palästina-Komitees. Eines von ihnen ist Palästina spricht und postete am 7. Oktober „Wir sind überwältigt. Heute ist ein revolutionärer Tag, auf den man stolz sein kann.“ Eine andere Gruppe, Samidoun, feierte das Massaker der Hamas mit dem Verteilen von Süßigkeiten an Passanten. Samidoun soll nach Angaben des Verfassungsschutzes von der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) gegründet worden sein, die in der EU als Terrororganisation gelistet ist. In der Vergangenheit ließ die PFLP Flugzeuge entführen und Geiseln nehmen, um Gefangene freizupressen. Eine Reihe von Bombenanschlägen wird ihr außerdem zur Last gelegt. Samidoun ist in Deutschland wiederholt durch antisemitische Demonstrationen aufgefallen, auf denen „Tod den Juden“ skandiert wurde. Ihre Mitglieder sollen nach Angaben des Verfassungsschutzes syrisch-palästinensische Flüchtlinge sein, die 2015 nach Deutschland kamen. In einem Frankfurter Aufruf von Migrantifa, Studis gegen rechte Hetze und Palästina e. V. hieß es sei, der Hamas-Angriff sei „das erste Mal in der modernen Historie, dass Palästina sich in dem Ausmaß der neuesten Angriffe verteidigt, indem es die koloniale, militärische Infrastruktur Israels erfolgreich angreift.“ Die Demonstranten, die sich am 14.10.2023 in Frankfurt versammelten, skandierten sowohl Allahu akbar als auch From the river to the sea, Palestine will be free. Dieser letzte Slogan verdeutlicht die angestrebte Zukunftsvision eines judenfreien Staates auf dem Gebiet des heutigen Israels. Marx21 schrieb auf seiner Homepage: „Nachdem die rechtsextreme Regierung Israels in den vergangenen Monaten eine Welle der Gewalt gegen Palästinenser:innen organisierte, holte die Hamas zu einem unerwarteten Gegenschlag aus: Kämpfer:innen aus Gaza brachen in einer geheim vorbereiteten Operation aus dem seit 16 Jahren hermetisch abgeriegelten Küstenstreifen aus und griffen militärische, aber auch zivile Ziele auf israelischem Gebiet an.“ Danach ging man umstandslos dazu über, Israel wegen des ausgerufenen Kriegszustandes und der militärischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Hamas zu verurteilen.

 

In der Geschichte der Bundesrepublik haben sich linksradikale Organisationen und Bewegungen nicht nur auf die Seite der Palästinenser gestellt, sondern auch in extremer Weise antisemitische Gewalttaten verübt. Der erste bekannte Anschlag wurde von den Tupamaros Westberlin am 9. November 1969 durchgeführt. Sie deponierten eine Brandbombe im jüdischen Gemeindehaus in Berlin, wo eine Versammlung in Gedenken an die Pogromnacht 1938 stattfand. Die Bombe zündete glücklicherweise nicht. Die Gruppe wurde von Dieter Kunzelmann, einem ehemaligen Mitglied der Kommune 1, angeführt. Kunzelmann wollte gemeinsame Sache mit den Palästinensern um Jassir Arafats Fatah machen und schrieb in der linksradikalen Zeitung Agit 883: „Palästina ist für die BRD und für Europa das, was für die Amis Vietnam war“. Von 1983 bis 1985 saß Kunzelmann für die Alternative Liste, einer Vorläuferorganisation der Grünen, im Berliner Abgeordnetenhaus. Ein Jahr nach dem Anschlagsversuch in Berlin, am 13. Februar 1970, wurde ein Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München verübt, bei dem sieben Menschen starben. Spätere Indizien und Aussagen wiesen auf die Tupamaros München als Täter. 1976 beteiligten sich deutsche Linksextremisten an der Entführung eines Air France-Passagierflugzeugs durch ein Kommando der Volksfront für die Befreiung Palästinas und selektierten bei einer Landung in Entebbe anhand der Reisepässe Juden von Nichtjuden. Holocaustüberlebende gaben später an, dass sie sich an die Selektion an der Rampe von Auschwitz erinnert gefühlt hätten.

 

Für einige Irritationen sorgten Fridays for Future und ihre Frontfrau Greta Thunberg. Thunberg posierte nach dem Massaker der Hamas mit einem Schild, auf dem „I stand with Gaza“ stand. Sie zeigte sich mit einem Stofftier in Form eines Kraken, dem antisemitischen Symbol einer angeblichen jüdischen Weltherrschaft, und skandierte auf einer Demonstration in Amsterdam die Parole „No climate justice on occupied land“. Mit den Worten, man müsse auf die Stimmen derjenigen hören, die unterdrückt seien und für Gerechtigkeit kämpften, übergab sie bei einer Kundgebung der fanatischen Antisemitin Sara Rachdan das Mikrofon, die Netanjahu mit Hitler verglich und das Massaker der Hamas als gelungene Widerstandsaktion feierte. Zur Ehrenrettung der deutschen Sektion von Fridays for Future muss gesagt werden, dass sie sich von den antisemitischen Auftritten distanzierten.

 

Auch Black Lives Matter (BLM) demonstrierte seine antisemitische Seite. Die Sektion Chicago postete am 10. Oktober 2023 ein Bild, das stilisierte Hamas-Terroristen zeigte, die mit motorisierten Fallschirmen heranschwebten. Darunter stand „I stand with Palestine“. Schon in der Vergangenheit fielen BLM-Aktivisten durch antisemitische Äußerungen auf. Patrisse Cullors, die BLM im Jahr 2013 mitgründete, forderte Studenten im Jahr 2015 in einer Veranstaltung des Human Rights Program der Harvard University auf, das „imperialistische Projekt, das sich Israel nennt“ zu beenden. Im gleichen Jahr unterzeichnete sie zusammen mit dem Intellektuellen Cornel West sowie der Black-Power-Aktivistin Angela Davis das antisemitische Manifest Black for Palestine. Sie verlangten die Einstellung der amerikanischen Unterstützung für Israel und einen Boykott des Staates Israel und seiner Bewohner. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu eindeutigen Solidaritätsbekundungen mit radikalen Palästinensern, mit denen Bündnisse auf Grundlage einer bewaffneten Intersektionalität geschlossen wurden. Bei BLM-Demonstrationen kam es zu antisemitischen Ausschreitungen, zu Zerstörungen jüdischer Geschäfte und Beschädigungen von Synagogen. 2019 wurde ein koscherer Supermarkt überfallen, wobei drei Personen getötet wurden. Israelische Juden werden als Vertreter eines Siedlerkolonialismus oder als verlängerter Arm eines US-Imperialismus beschimpft; amerikanische Juden gelten als Vertreter eines weißen Kapitalismus. Schwarze Juden stehen, so Kai Funkschmidt von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, zwischen den Stühlen. Eigentlich seien sie unerwünscht, obgleich viele von ihnen BLM unterstützen. Sobald sie Kritik am Antisemitismus äußern, nütze ihnen auch die Hautfarbe nichts mehr. Die schwarze Journalistin Nadine Batchelor-Hunt wurde als „white supremacist zionist whore“ beschimpft, als sie einen antisemitischen Tweet kritisierte.

 

Die Geschichte eines schwarzen Judenhasses, so Funkschmidt, sei jedoch weitaus älter als BLM. Dieser Hass geht nämlich auf die Idee, Juden seien weiß, zurück, die in den schwarzen Bürgerrechtsbewegungen und besonders in radikalen schwarzen Organisationen gepflegt wurde. Viele schwarze Aktivisten hatten Weiße zu ihren originären Feinden erklärt und damit auch Juden ins Visier genommen. Eine eigene religiöse Wurzel schwarzer Judenfeindschaft hatten Anhänger der Nation of Islam und der Black Hebrew Israelites konstruiert. Die Letztgenannten behaupteten, die wirklichen Nachfahren der alten israelitischen Stämme zu sein, doch die weißen aschkenasischen Juden hätten ihnen dieses Erbe gestohlen. Obwohl die Black Hebrew Israelites, anders als die militante Nation of Islam, als gewaltfrei gelten, erfolgte aus ihren Reihen 1991 ein Anschlag auf ein jüdisches Lebensmittelgeschäft, bei dem vier Juden ermordet wurden.

 

Black-Power-Aktivisten und antisemitische Vertreter von Black for Palestine waren teilweise fest an den Universitäten verankert. Cornel West bekleidete zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des besagten Manifests eine Professur für Theologie und afroamerikanische Studien an der Princeton University und wechselte 2017 auf einen Lehrstuhl für Philosophie an der Harvard University. Angela Davis war Professorin für Feministische Studien an der University of California, Santa Cruz und 2013 Gastdozentin an der Goethe-Universität, wo das Cornelia Goethe Centrum eine Gastprofessur eingerichtet hatte, die Davis Namen trägt. In Harvard organisieren Studenten jährlich eine Woche der israelischen Apartheid, und die Studentenzeitung unterstützt die BDS-Bewegung. Nach dem Massaker vom 7. Oktober machten 30 studentische Organisationen Israel für die Gewalt in der Region verantwortlich. Die Gräueltaten der Hamas wurden nicht erwähnt. Die Universitätsleitung benötigte ganze drei Tage, um eine eigene Erklärung zu veröffentlichen. Die Langsamkeit war offenbar dem Umstand geschuldet, dass man es sich nicht mit den Studenten verderben wollte, mutmaßte Majid Sattar in der FAZ vom 5.11.2023. Anders als nach dem Mord an George Floyd oder Putins Überfall auf die Ukraine, wo sehr schnell und eindeutig reagiert wurde, gehe es jetzt um die Diskurshoheit auf dem Campus. Diese sei recht eindeutig: „Drinnen wird Postkolonialismus gelehrt, draußen wirft die BDS-Bewegung Israel Siedlerkolonialismus, Apartheid und Rechtsradikalismus vor.“ Ähnliches ließ sich auch an anderen amerikanischen Universitäten beobachten. Für jüdische Studenten sind die höheren Lehranstalten mittlerweile unsichere Orte geworden. Pöbeleien und Anfeindungen gehören zum Alltag, und in New York mussten sie sich sogar in einer Bibliothek verbarrikadieren.

 

Bezeichnenderweise sind es vor allem die Elite-Universitäten, an denen Antisemiten stark sind. An diesen Universitäten war es woken Professoren und Studenten gelungen, die Deutungshoheit in den Geisteswissenschaften zu übernehmen und die intellektuelle Konkurrenz mundtot zu machen. Hier hatte man die Etablierung postkolonialer Theorien jahrzehntelang gefördert, hier gehören Texte von Theoretikern wie Edward E. Said, der posthum eine fast religiöse Verehrung in woken Kreisen genießt, zum fächerübergreifenden Literaturkanon. Said hatte die falsche Behauptung aufgestellt, Israel sei ein Apartheidstaat, und damit eine wirkmächtige Metapher geschaffen, die Eingang in unzählige Folgetexte hielt. In postkolonialen Theorien wird Israel als Produkt kolonialer Herrschaft sowie als Bollwerk eines weißen Imperialismus in der arabischen Welt delegitimiert. Die Eliminierung des jüdischen Staates wird daher als Akt antikolonialer und antiimperialistischer Befreiung vom Joch westlicher Dominanz gerechtfertigt.

 

Am 8. November 2023 wurde eine Erklärung veröffentlicht, die mit Philosophy for Palestine betitelt war. Darin verurteilten 207 Wissenschaftler, darunter Judith Butler, Etienne Balibar und Angela Davis, ein angeblich stattfindendes Massaker Israels an der Bevölkerung Gazas. Von dem Massaker der Hamas war keine Rede, auch nicht von der kaltschnäuzigen Preisgabe der eigenen Bevölkerung, die in Kauf genommen wurde, um Israel in einen Krieg zu zwingen. Stattdessen schrieb man verharmlosend von einem Angriff der Hamas. Die Blockade dauere bereits 16 Jahre, heißt es, ohne darauf einzugehen, dass die Hamas Gaza zu einem Terrorcamp ausgebaut hat, und die Besetzung der palästinensischen Gebiete zöge sich bereits 56 Jahre hin. Dass die Zwei-Staaten-Lösung ebenso wie Friedensverhandlungen von palästinensischer Seite abgelehnt worden waren und Israel nach unzähligen Angriffen Sicherheitsinteressen geltend machen muss, interessierte die versammelten Philosophen nicht. Für sie liegt die Ursache des Konflikts schlicht in der Etablierung eines ethno-suprematistischen Staates. Von professionellen Denkern könne man erwarten, dass sie den Unterscheid zwischen Massaker, Pogrom, Krieg und Genozid kennen, schrieb daraufhin Tania Martini am 10.11.2023 in der TAZ, um dann ernüchternd festzustellen: „Tun sie aber nicht. Oder wollen sie nicht.“ Ihrer Schlussfolgerung, dass das Pamphlet eine Bankrotterklärung jener linken Denker sei, ist nichts hinzuzufügen.

 

Natürlich wurden auch deutsche Universitäten von dieser Entwicklung beeinflusst. Hier ist es ungleich schwieriger, eine antisemitische Universitätskultur zu etablieren, da die Erinnerung des Holocaust untrennbar mit der Verfasstheit der Bundesrepublik verwoben ist und die Akzeptanz des Existenzrechts Israels zur Staatsräson gehört – selbst wenn es Politikern in der Praxis immer wieder an Solidarität mit dem jüdischen Staat mangelt. BDS wurde vom Bundestag als antisemitisch verurteilt und darf an den Universitäten eigentlich weder Gegenstand der Lehre, der Forschung oder studentischer Aktivitäten sein. Doch die Realität weicht auch in diesem Fall von der Norm ab. Bereits in den ersten Tagen nach dem Massaker versammelten sich Studenten, die lauthals „Befreit Palästina von der deutschen Schuld“ skandierten. Was war damit gemeint? Ein entscheidendes Hindernis der postkolonialen Dämonisierung Israels war in Deutschland stets der Holocaust. Dass die Gründung Israels auch ein Ergebnis der Judenverfolgung in Europa war, konnte man noch ignorieren, doch die Ermordung von sechs Millionen Juden während der Nazi-Diktatur ließ sich einfach nicht verschweigen. Daher versuchten postkoloniale Theoretiker zunächst, den Holocaust zu relativieren und in eine Reihe kolonialer Leidensgeschichten zu stellen. Wenn die Vernichtung der Juden durch den Nationalsozialismus nur ein Puzzlestück in einer größeren kolonialen Historie wäre, dann wäre das Schicksal der Juden nicht singulär. Es würde irgendwo auf einer Landkarte europäischer Kolonialverbrechen verschwinden und könnte nicht herangezogen werden, um die Gründung eines eigenen Staates zu rechtfertigen. Nur so wäre es möglich, die Gründung Israels nicht als einzige Konsequenz einer bis in die Gegenwart andauernden Vernichtungsdrohung zu verstehen, sondern als unrechtmäßige Ansiedlung auf von Arabern bewohntem Land. Gerade für Deutsche hat diese Verdrehung historischer Umstände eine entlastende Funktion. Man kann bequem die Seiten wechseln – von einer Position als Nachkomme von Tätern zu einer Position der Anklage gegen einen vermeintlichen Kolonialstaat. Gerade für postkoloniale Deutsche würde diese Drehung im Kern ein Moment ultimativer Reinwaschung beinhalten. Die Verstrickung mit der eigenen Geschichte ließe sich ein für alle Mal abschütteln, wenn die jüdischen Opfer der eigenen Groß- und Urgroßeltern heute nicht besser wären als jene. Wenn Israel einen Apartheidstaat errichtet hat, der schlimmer ist als die Apartheid in Südafrika, wie der Philosoph Achille Mbembe schreibt, wenn sein Militär einen Genozid an den Palästinensern verübt, dann relativiert sich auch der Begriff des Holocausts. Gerade für junge Deutsche, die sich gerne auf der Seite der Guten sehen würden, sind solche Thesen ungemein entlastend. Dabei nimmt man in Kauf, dass der Begriff des Genozids in den vergangenen Jahrzehnten immer unspezifischer wurde. Ihn auf die palästinensische Bevölkerung anzuwenden, ist genau betrachtet mehr als grotesk, da sich diese seit der Gründung Israels numerisch verzehnfacht hat.

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Durch die Delegitimierung Israels als weißem Kolonialstaat sind universitäre woke Linke anschlussfähig an Islamisten von der Couleur einer Generation Islam, deren Frontmann Ahmad Tamim seine Rede in Essen explizit in einen antikolonialen und antiimperialistischen Kontext stellte. Dass auf dieser Grundlage eine neue Querfront aus Islamisten, Marxisten und postkolonialen Akademikern entsteht, ließ sich beispielsweise am 18. Oktober in Neukölln besichtigen. Es begann mit einem Flugblatt, dessen Zielgruppe bereits durch die Anrede „Assalam Aleykum Shababs umrissen wurde. Shabab ist der arabische Begriff für Jugendliche, wird aber in der Geschichte des Islamismus auch für dschihadistische Jugendgruppen verwendet. Die wichtigste Terrororganisation Somalias heißt El-Shabab. Weiter im Text heißt es wörtlich in originaler Orthografie und Grammatik: “hiermit ist jetzt Schluss sie wollen uns zum schweigen bringen sie wollen uns töten sie wollen uns auslöschen lass uns auf die Straße gehen und denn zeigen nicht mit uns unsere Geschwister werden in Gaza massakriert bitte Teilen X Am 18.10 Pannierstraße, Berlin, Neukölln um 22 Uhr habt Steine Schlagstöcke usw habt Masken oder Verdeckt eure Gesichter wir werden morgen Neukölln zu Gaza machen zündet alles an BITTE WER ANGST HAT ODER NICHT ZU SEINE MUSLIMISCHEN GESCHWISTER STEHT SOLL ZUHAUSE BLEIBEN WIR BRAUCHEN MÄNNER.“ Wie angekündigt, wurde gehandelt. Man legte Brände, Dutzende Polizisten wurden verletzt und mehr als 170 Personen vorübergehend festgenommen.

 

Viele Menschen in Deutschland waren von der Gewalt der Israelhasser schockiert. Nicht so die postkolonialen Wissenschaftler. In einem Brief aus Berlin – kritische Wissenschaftler*innen an die deutsche Politik und Öffentlichkeit echauffierten sie sich über „repressive Maßnahmen wie z. B. racial profiling, durch die ein gesamter Stadtteil kriminalisiert wird“. In vollkommener Verblendung und Ignoranz dafür, was der gewalttätige Mob für das Leben von Juden bedeutet, fuhren die Postkolonialen fort: „Eine derartige Eskalation seitens des Staates führt unter anderem dazu, dass jüdische Menschen sowie Jugendliche und Kinder im Kontext von Demonstrationen Polizeigewalt erfahren.“ Eine Eskalation seitens des Staates? Die Gewalt ging von antisemitischen Aktivisten aus, und sie war genauso angekündigt. Der Staat in Gestalt der Polizei hatte die Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen, die Gewalt einzudämmen und zu verhindern, dass Neukölln zu Gaza wird. Polizisten sind seit dem 7. Oktober überall in Deutschland im Einsatz, um jüdische Einrichtungen zu schützen und zu verhindern, dass Juden von Antisemiten wie den Organisatoren der Ausschreitungen in Neukölln angegriffen werden. Sie tun das mit einem hohen Risiko für die eigene körperliche Unversehrtheit, und sie verzichten dafür auf ihre Freizeit. Im Oktober meldete allein die Hamburger Polizei Hunderttausende von Überstunden. Dass Wissenschaftler angesichts dieser Situation von Polizeigewalt sprechen, zeigt wes Geistes Kind sie sind. Die Behauptung, dass jüdische Menschen von Polizeigewalt betroffen gewesen seien, ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten. Kurz einmal nachgedacht, kritische Wissenschaftler*innen: Wer bedroht Juden in Deutschland? Die Polizei, die vor Synagogen und jüdischen Schulen steht und gewalttätige Antisemiten auf der Straße in Schach hält, oder die gewaltbereiten Antisemiten, die im Schutz der Demonstrationen Hakenkreuze auf Hauswände sprühen und antisemitische Hassparolen rufen? In Neukölln kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Juden, und teilweise riet die Polizei Juden in der Vergangenheit, tunlichst zu verhindern, als Jude erkennbar zu sein. Erst im April 2023 war es zu einer antiisraelischen Demonstration in Neukölln gekommen, auf der „Tod, Tod, Tod Israel“ und „Juden ins Gas“ gerufen wurde. Dem jüdischen Rapper Ben Salomo legte man sogar ans Herz, den Stadtteil ganz zu meiden. Also noch einmal: Wer bedroht Juden in Neukölln? Die Polizei?

 

Doch vielleicht geht es den im Brief aus Berlin versammelten Wissenschaftlern auch gar nicht um Juden und ihren Schutz. Vielleicht bestehen vor allem Gemeinsamkeiten mit den antisemitischen Randalierern. Oder wie soll man im weiteren Verlauf des Textes einordnen, in dem behauptet wird, dass „Expert*innen“ die israelische Militäroperation als „genozidal eingeordnet“ hätten? Interessant ist, wer den Brief unterzeichnet hat. In vielen Fällen ist die Liste deckungsgleich mit derjenigen, die im Frühjahr 2023 vom Leiter des Bayreuther Exzellenzclusters Africa Multiple herumgeschickt wurde, um mich und das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam als rassistisch und islamfeindlich zu denunzieren. Selbstverständlich war Rüdiger Seesemann, der Leiter von Africa Multiple, der im Frühjahr die Mobbingkampagne gegen mich angeführt hatte, einer der Mitunterzeichner des Briefes. Andere waren bekannte und unbekannte Verfechter der postkolonialen Theorie.

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Dass sich jüdische Studenten angesichts solcher Hochschullehrer auch an deutschen Universitäten nicht mehr sicher fühlen, lässt sich erahnen. In einigen Hochschulen sei es tatsächlich zu antiisraelischen und antisemitischen Vorfällen gekommen, beklagte Walter Rosenthal, der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz, und Constantin Ganß vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gab der Zeitung WELT gegenüber an, dass die Situation auf den Campi katastrophal sei, da israelfeindliche Äußerungen nicht nur von Studenten, sondern auch vom Lehrpersonal kämen. Vielerorts, so Noam Petri von der Jüdischen Studierendenunion, hätten sich woke und islamistische Studenten zu einer Allianz vereint, die durch die geteilte Gegnerschaft gegen den Westen zusammengehalten werde. Wie so etwas aussehen kann, demonstrierten Studenten der Universität der Künste (UdK) am 13. November 2013 in Berlin. Sie entrollten Transparente, auf denen „Stop colonialism“ und „Condemn genocide“ stand. Ein primäres Objekt der Empörung war der Präsident der Hochschule, der eine Solidaritätserklärung für Israel abgegeben hatte. Als er versuchte, mit den Protestierenden zu sprechen, brüllten sie ihn nieder und warfen ihm Rassismus und Islamophobie vor. Die Studenten waren mit schwarzem Mundschutz maskiert und zeigten rote Handinnenflächen. Für jüdische Studenten, so Claudius Seide in der FAZ, sei diese Symbolik eindeutig. Sie geht zurück auf einen Lynchmord an zwei Israelis in Ramallah, bei dem einer der Mörder der johlenden Menge aus dem Fenster eines Polizeipräsidiums heraus seine blutverschmierten Hände gezeigt hatte. Orchestriert sei die Veranstaltung, so Thomas Thiel, vom postkolonial gestimmten Kurator Tirdad Zolghadr, der durch eine Gastprofessur an der UdK bekannt war. Positiv unterstützt wurde sie von Natasha A. Kelly, die ebenfalls eine Gastprofessur innehatte. Kellys Geschäftsmodell ist der angeblich vorhandene strukturelle Rassismus der deutschen Gesellschaft, der ausschließlich die üblichen Opfergruppen betreffe. Rassismus gegen Weiße könne es ihrer Meinung nach per definitionem nicht geben, da Weiße immer von rassistischen Machtungleichheiten profitierten.

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