top of page

Artikel 1:
25 Jahre Terror im Namen des Islam. Und noch immer wird die Gefahr unterschätzt

Der Anschlag vom 11. September 2001 war eine Zäsur in der Geschichte des modernen Westens. Auch Europa und Deutschland stehen seitdem im Visier von Terroristen, die im Namen des Islam morden. Ein Ende der Bedrohung ist nicht abzusehen. Dennoch gibt es eine merkwürdige Scheu, das Problem klar zu benennen.

Dossier: 25 Jahre islamistischer Terror

ChatGPT Image 4. Sept. 2026, 21_42_05.png

Von Susanne Schröter

Artikel 2:
Ist islamistischer Terrorismus eine Folge von Diskriminierungserfahrungen?

Es wird immer wieder behauptet, islamistische Terroristen handelten aus rein weltlichen Motiven – entweder, weil sie eine unglückliche Kindheit hatten, unter Identitätsproblemen litten oder Diskriminierung erfahren hatten. Meist wird ihnen entschuldigend unterstellt, dass sie in einer angeblich „strukturell rassistischen Gesellschaft“ ausgegrenzt und einer gerechten Teilhabe beraubt worden seien. Einige Wissenschaftler vertreten sogar die Ansicht, islamischer Terrorismus habe nichts mit dem Islam zu tun, sondern sei lediglich eine Form der Revolte gegen Bestehendes, ähnlich wie linke Revolten seit der Studentenbewegung.

Artikel 3:
Sterben für Gott. Terror als religiöser Auftrag

Islamistischer Terrorismus wird nicht nur fälschlicherweise als Folge von Diskriminierungserfahrungen missinterpretiert, sondern es ist auch populär zu behaupten, Dschihadisten gehe es nicht um die Religion. Der Anschlag des 11. September 2011 zeigt allerdings deutlich, dass der primäre Antrieb der Attentäter aus ihren religiösen Überzeugungen und der Hoffnung resultierte, ihre Tat sei gottgefällig. Sie glaubten sogar, sie würden nach dem Tod von Allah belohnt und im Paradies von verführerischen Paradiesjungfrauen empfangen.

Susanne Schröter

25 Jahre Terror im Namen des Islam.
Und noch immer wird die Gefahr unterschätzt

Lesezeit: 9 Minuten
 © Susanne Schröter, September 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Der Anschlag vom 11. September 2001 war eine Zäsur in der Geschichte des modernen Westens. Auch Europa und Deutschland stehen seitdem im Visier von Terroristen, die im Namen des Islam morden. Ein Ende der Bedrohung ist nicht abzusehen. Dennoch gibt es eine merkwürdige Scheu, das Problem klar zu benennen.

 

Am 11. September 2001 entführten Terroristen des islamistischen Netzwerks „al-Qaida“ in den USA vier Passagierflugzeuge und lenkten zwei davon in die Türme des Welthandelszentrums in New York, die zu brennen begannen und schließlich zusammenstürzten. Eines der Flugzeuge traf das Pentagon, ein weiteres stürzte nach Auseinandersetzungen mit den Passagieren ab. Es hatte Kurs nach Washington genommen und sollte das Weiße Haus treffen. Es war das erste Mal, dass Dschihadisten die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Machtzentren der USA ins Visier nahmen und der Welt zeigten, wie verwundbar die Supermacht war. Weltweit und in Echtzeit konnten Fernsehzuschauer die Dramen mitverfolgen, die sich in den brennenden Hochhäusern abspielten, und sahen Menschen in Todesangst aus dem Fenstern springen.

 

Dabei hatten sich die USA und die Länder des Westens so sicher gefühlt. Die Sowjetunion war zusammengebrochen und die Mauer, die Ost- von Westberlin getrennt hatte, wurden in Bruchstücken auf Flohmärkten verkauft. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatte gar ein Ende die der Geschichte postuliert und behauptet, liberale Demokratien würden sich in Kürze global durchsetzen.[i] Doch dies war nur eine Wunschvorstellung, die mit der Realität nichts gemein hatte. Islamistische Gewalt existierte nämlich durchaus in Asien und Afrika, aber das hatte man geflissentlich ausgeblendet.

 

Am 11. September brach diese Gewalt in den eigenen Wohlfühlraum ein und ist seitdem nicht mehr wegzudenken. Niemand ist mehr sicher: nicht in Bussen und Bahnen, nicht auf Festen und öffentlichen Plätzen, nicht in Restaurants, Bars oder bei Musikveranstaltungen, nicht in Kirchen und Kaufhäusern. In Frankreich wurden Menschen von islamistischen Nachbarn sogar in der eigenen Wohnung ermordet. Der Dschihadismus konnte vielerlei Gestalt annehmen. Hier sind einige Beispiele von vielen: 2004 starben 193 Menschen bei Bombenattentaten auf vier Vorortzüge in Madrid, und ein Jahr später schlugen Dschihadisten in Londons U-Bahn und in Bussen zu. 52 Menschen starben. 130 Menschen verloren 2015 bei einer konzertierten Anschlagsserie in Paris in Cafés und einem Konzerthaus ihr Leben, und am 14. Juli 2016 fuhr ein Dschihadist mit einem Lieferwagen in ein Volksfest in Nizza und tötete 86 Menschen. Immer wieder wurden gezielt Menschen ermordet, die als Feinde des Islams galten. Es traf den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh (1957–2004), der mit der somalischen Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali einen Film über muslimische Gewalt gegen Frauen produziert hatte und den 85-jährigen katholischen Priester Jacques Hamel, dem während der Messe die Kehle durchgeschnitten wurde. Besonders Juden wurden zu Opfern des Hasses. Frankreich erlebte seit 2001 eine Welle antijüdischer Gewalt, die zu einem regelrechten Exodus der jüdischen Bevölkerung geführt hat.[ii]

 

Auch Deutschland blieb nicht vom Dschihadismus verschont. Viele Jahre lang wurden Anschlagsplanungen durch Informationen ausländischer Geheimdienste rechtzeitig enttarnt, doch nachdem Kanzlerin Merkel sich 2015 geweigert hatte die Grenzen zu schließen, trat ein staatlicher Kontrollverlust ein, der sich bitter rächen sollte.[iii] Die Täter waren vor allem Menschen, die als vermeintlich Schutzsuchende ins Land gekommen waren. Bereits seit 2011 war es immer wieder zu Ausschreitungen gewaltbereiter Islamisten gekommen und eine zunehmende Anzahl junger Muslime hatte sich dschihadistischen Gruppen in Asien angeschlossen, dennoch rechnete niemand ernsthaft mit Anschlägen in Deutschland. Große Teile der Politik feierten sich damals für ihre Humanität, Kirchen, NGOs und Medien applaudierten. Die Vertreter des neuen guten Deutschlands hatten unmissverständlich demonstriert, dass sie imstande waren, Fremde mit offenen Armen aufzunehmen, und die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt freute sich öffentlich darüber, dass das Land mit den Tausenden von Muslimen religiöser werden würde. Für Bedenken war angesichts dieser Euphorie kein Platz. Islamismus wurde ebenso tabuisiert wie die sexuellen Übergriffe durch junge Migranten. Als der tunesische Dschihadist Anis Amri am 19. Dezember mit einem gestohlenen Lastkraftwagen, dessen Fahrer er zuvor ermordet hatte, mit voller Geschwindigkeit in einen Berliner Weihnachtsmarkt fuhr und zwölf Menschen tötete, brach der Mantel des Schweigens für kurze Zeit auf. Vorhergehende Anschläge wie der eines Syrers, der im Juli 2016 in einer Regionalbahn mit einer Axt auf Passanten einschlug, schafften es nur kurz in die Presse. Das Berline Attentat hatte eine andere Bedeutung, dennoch war die Reaktion, verglichen mit der, die bei rechtsextremen Attentaten gezeigt wird, eher nachlässig. Erst nach einem Jahr traf sich die Kanzlerin mit den Angehörigen der Toten. Diese hatten sich sogar in einem offenen Brief über mangelnde Anteilnahme beschwert.

 

Gewalt im Namen des Islams wird als lästige Gefahr behandelt, weil sie das Bild einer gelungenen Einwanderungsgesellschaft trübt. Aus diesem Grund wird die Bedrohung immer wieder heruntergespielt, blieb man nachlässig, wo man hätte handeln müssen. Das zeigte sich bereits nach dem 11. September 2001. Es war bekannt, dass die Mitglieder des Hamburger Kommandos regelmäßig eine Moschee besuchten, deren Imam im dringenden Verdacht stand, einen radikalen und gewaltaffinen Islam zu predigen. Man könnte darüber spekulieren, ob die Anschläge vom 11. September vielleicht zu verhindern gewesen wären, wenn diese Moschee rechtzeitig geschlossen worden wäre. Dies geschah jedoch erst im Jahr 2010. Bis dahin blieb sie ein Teil internationaler terroristischer Netzwerke und diente als Treffpunkt radikaler Islamisten. Etliche junge Menschen wurden dort für gewalttätige Einsätze in anderen Ländern angeworben.

 

Auch andere islamistische Einrichtungen konnten jahrelang betrieben werden, obwohl dort nachweislich Gewalt gepredigt, zum Terrorismus aufgerufen und sogar dafür mobilisiert wurde. Behördliches Wegschauen war kein Einzelfall. Zu den Nachlässigkeiten zählt beispielsweise das ungehinderte Gewährenlassen des dschihadistischen Führungskaders Reda Seyam. Der Deutsche ägyptischer Abstammung hatte, Vermutungen amerikanischer Geheimdienste zufolge, im Jahr 2002 an einem Anschlag auf der indonesischen Insel Bali mitgewirkt, bei dem 202 Menschen starben. Aus Angst, er könne von der CIA verhaftet und nach Guantanamo gebracht werden, soll ihm das Bundeskriminalamt, so Terrorismusexperte Guido Steinberg, die Reise von Indonesien nach Deutschland ermöglicht haben. In Berlin organisierte er daraufhin die Aktivitäten internationaler dschihadistischer Gruppen und gründete die „Sahaba-Moschee“, die ein Zentrum des gewaltbereiten Islamismus wurde. Niemand behelligte ihn bei seinem Treiben und niemand verhinderte, dass er sich schließlich nach Syrien aufmachte und dort im „Islamischen Staat“ eine Abteilung aufbaute, die Anschläge in Europa plante.[iv] Eine andere Berliner Moschee, die „Fussilet 33“, konnte ebenfalls viele Jahre lang Hass auf Nichtmuslime verbreiten und junge Menschen für den Dschihad rekrutieren. Das Gleiche gilt für den Verein „Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim e. V“., den der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius als salafistischen Hotspot bezeichnet hatte. Dort verbreitete der radikale Prediger Abu Walaa viele Jahre lang dschihadistische Propaganda, bevor er im Jahr 2021 zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Anis Amri soll mit Abu Walaa in Kontakt gestanden haben. Nachweislich hielt er sich auch in der „Fussilet 33“ auf. Als letztes Beispiel möchte ich die „Lies!-Kampagne“ erwähnen, die der salafistische Prediger Abu Nagie 2011 ins Leben gerufen hat. Junge Salafisten verteilten dabei in Fußgängerzonen Korane und rekrutierten junge Muslime für ihre Aktivitäten. Etliche von ihnen wurden auf diese Weise für die Miliz des „Islamischen Staates“ angeworben. Obwohl dies alles bekannt war, wurde die „Lies!-Kampagne“ erst im Jahr 2016 verboten.

 

Dieses Laissez-faire wird nur verständlich, wenn man die Täter- Opfer-Umkehr berücksichtigt, die im linksliberalen Milieu bis hinein in konservative Kreise in Deutschland und in anderen westlichen Ländern zum Leitnarrativ wurde. Sie speist sich aus zwei voneinander getrennten Erzählungen, dem islamistischen und dem linken Opfernarrativ. Das islamistische lässt sich aus dschihadistischen Erbauungsvideos ebenso ablesen wie aus Erklärungen, mit denen Attentate gerechtfertigt wurden. Schauen wir uns die Botschaft an, die Mohammed Riyadh, der 2016 in der Regionalbahn von Ochsenfurth nach Würzburg eine chinesische Familie mit einer Axt angriff, an den „Islamischen Staat“ schickte. Er sagte: „Im Namen Gottes, ich bin ein Soldat des IS und beginne eine heilige Operation in Deutschland. Die Zeiten sind vorbei, in denen ihr in unsere Länder gekommen seid, unsere Frauen und Kinder getötet habt und Euch keine Fragen gestellt wurden.“[v] In ähnlicher Weise hatte sich auch Anis Amri in einem Bekennervideo geäußert. Beide stilisierten sich als Rächer der vermeintlich entrechteten Muslime und versuchten ihre Taten als legitime Reaktionen auf illegitime Kriegshandlungen des Westens darzustellen.

 

Ein ähnliches Narrativ existiert auch auf der Seite westlicher Wissenschaftler. Berechtigte Kritik an außenpolitischen Entscheidungen amerikanischer und europäischer Politiker wird gern zur These verdichtet, Krisen und Kriege in der islamischen Welt seien eine alleinige Folge politischen Fehlverhaltens im Westen. So schreibt der Regionalexperte Michael Lüders, dschihadistische Gewalttäter seien die „Quittung für ein Jahrhundert imperialer Unterwerfung.“[vi] Er verdichtet diese These zu einer Fundamentalanklage, die den Bogen von der Kolonialzeit bis zu den gegenwärtigen Konflikten in nichtwestlichen Ländern spannt und für Probleme jedweder Art nur einen Schuldigen kennt: den Westen und dabei allem voran die USA. Lüders ist promovierter Politik- und Islamwissenschaftler, war zehn Jahre als Nahostkorrespondent bei der Wochenzeitung Die Zeit tätig und ist als freiberuflicher Berater tätig. Seine Thesen sind nicht ohne Wirkung auf den öffentlichen Diskurs.

 

Auch die Anschläge des 11. September wurden in weiten Kreisen der Sozialwissenschaften als Kritik an westlicher Politik gerahmt. Ein Beispiel stellt ein Sammelband aus dem Jahr 2002 dar, der an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und politischer Praxis entstand. Federführend war der Soziologe Craig Calhoun, der damals eine Professur an der New York University innehatte. Bereits im Vorwort werden Positionen dokumentiert, die bin Laden als Helden darstellen oder behaupten, die Attentate seien nicht von Muslimen, sondern vom israelischen Geheimdienst verübt worden. Insgesamt liegt der Fokus darauf, die durch westliche Dominanz geprägte Globalisierung als Ursache des islamischen Terrorismus ins Spiel zu bringen. Explizit wird Osama bin Laden als Kritiker dieser Art von Globalisierung bezeichnet und dadurch implizit eine Gemeinsamkeit zwischen islamischen Terroristen und linken Globalisierungskritikern hergestellt.[vii] Ein vermeintlicher Generalverdacht, durch den Muslime nach dem 11. September diskriminiert worden seien, beschäftigt gleich mehrere der versammelten Autoren. Forderungen an Muslime, sich mit Gewaltpotenzialen innerhalb der eigenen Communities oder mit gewaltlegitimierenden theologischen Texten auseinanderzusetzen, werden umstandslos als „islamophob“ zurückgewiesen.

 

Eine Fixierung auf Muslime als Opfer einer angeblich „strukturell rassistischen Gesellschaft“ verhindert auch in Deutschland bis auf den heutigen Tag eine realistische Politik gegenüber dem islamistischen Terrorismus. Als Dschihadist Ferhad N. im Februar 2025 mit dem Auto in eine Ver.di-Demonstration fuhr, zwei Menschen tötete und 23 verletzte, war die offizielle Reaktion eine „Demonstration gegen rechts“. Die größte Angst galt nicht dem islamistischen Terror, sondern einer möglichen Instrumentalisierung durch rechte Kräfte. Dieses Muster zeigte sich auch am 25. Juli 2026 beim islamischen Anschlag auf den Christopher Street Day-Umzug in Berlin, bei dem eine Frau getötet und 31 Menschen teilweise schwer verletzt wurden. Die CSD-Leitung sprach davon, dass der Anschlag einem Versuch darstelle, die Gesellschaft zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen und warnte vor einem Generalverdacht gegen Muslime. Spaltung und Aufhetzung sind Begriffe, die gewöhnlich verwendet werden, wenn man vor „Rechten“ warnt. Motivation und Ziele von Islamisten können damit nicht charakterisiert werden. Dass man dennoch auf diese unpassende Terminologie zurückgriff, zeigt einen gewissen Grad an Realitätsverweigerung. Auf die Spitze getrieben wurde dies nur noch durch die Linke in Neukölln, die rechte und konservative Queerfeindlichkeit verantwortlich machte. Liberale Muslime wie die Berliner Imamin Seyran Ates fanden allerdings deutliche Worte und forderten, das Problem des Islamismus endlich klar zu benennen.

 

Einzelne Passagen dieses Artikels wurden aus folgenden Büchern übernommen:

 

Schröter, Susanne (2019): Politischer Islam. Stresstest für Deutschland. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus

 

Schröter, Susanne (2022): Global gescheitert. Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass. Freiburg: Herder

 

Schröter, Susanne (2026): Links, rechts, islamistisch. Die wahren Feinde der Demokratie. Freiburg: Herder.

[i] Vgl. Fukuyama, Francis (2018): The End of History. In: National Interest 16: 2-18.

[ii] Vgl. Schröter, Susanne (2019): Politischer Islam. Stresstest für Deutschland. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus, S. 279-288.

[iii] Vgl. Schröter (2019): 187 ff.

[iv] Vgl. Steinberg, Guido (2021): Islamischer Terrorismus in Europa. Dschihadismus in Deutschland. Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung, S. 20.

[v] [v] Übersetzung des Videos des Attentäters von Würzburg durch die Deutsche Presseagentur, http://www.berliner-zeitung.de/politik/hintergrund--das-video-des-axt-attentaeters-im-wortlaut-24424368, abgerufen am 14.4.2017.

[vi] Vgl. Lüder, Michael (2015): Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet. München: Beck, S.166f.

[vii] Vgl. Calhoun, Craig/Paul Price/AshleyTimmer (2002): Understanding September 11. New York: New York Press, S. 19.

Susanne Schröter

Ist islamistischer Terrorismus eine Folge von Diskriminierungserfahrungen?

Lesezeit: 10 Minuten
 © Susanne Schröter, September 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Es wird immer wieder behauptet, islamistische Terroristen handelten aus rein weltlichen Motiven – entweder, weil sie eine unglückliche Kindheit hatten, unter Identitätsproblemen litten oder Diskriminierung erfahren hatten. Meist wird ihnen entschuldigend unterstellt, dass sie in einer angeblich „strukturell rassistischen Gesellschaft“ ausgegrenzt und einer gerechten Teilhabe beraubt worden seien. Einige Wissenschaftler vertreten sogar die Ansicht, islamischer Terrorismus habe nichts mit dem Islam zu tun, sondern sei lediglich eine Form der Revolte gegen Bestehendes, ähnlich wie linke Revolten seit der Studentenbewegung.

 

 

Blinde Flecken der Theoriebildung zu islamischem Extremismus

 

Einer von ihnen ist der er französische Politikwissenschaftler Olivier Roy. Er sieht die Ursache des islamischen Extremismus in der westlichen Moderne und ihrer Entkoppelung von Religion und Kultur im Prozess der Säkularisierung. In seinem 2008 erschienen Buch „La sainte ignorance“, das 2010 unter dem Titel „Heilige Einfalt“ in deutscher Übersetzung publiziert wurde, vertritt er die These, dass die durch den Säkularismus kulturell entleerte Religion individuell als etwas rein Religiöses angeeignet werden kann und dadurch Fundamentalismen jedweder Art Vorschub leiste.[i] In dem 2016 herausgegebenen Werk „Le djihad et la mort“, das 2017 unter dem bezeichnenden Titel „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, spielt er auf eine viel zitierte Aussage junger Dschihadisten an, die er als Nihilismus interpretiert.[ii] Das Buch wurde unter dem Eindruck einer Situation geschrieben, in der Tausende junger Europäer dem Dschihadisten Abu Bakr al-Baghdadi, der 2014 einen „Islamischen Staat“ ausgerufen hatte, den Treueeid leisteten und bereit waren, für ihn zu foltern, zu morden und zu sterben. Darin wiederholt Roy seine ursprüngliche These, dass eine „fundamentalistische Verhärtung der Religionen“ stattfinde, die dem Triumph Säkularismus geschuldet sei, der das Religiöse negiere. In einer zweiten These behauptet Roy, es handele sich beim modernen Dschihadismus um die Islamisierung einer ohnehin vorhandenen Radikalität unter Jugendlichen, denen es an Perspektiven mangele. Die Religion sei dabei vollkommen nebensächlich. Er schreibt: „Sie werden nicht radikal, weil sie bestimmte Texte falsch verstanden haben oder weil sie manipuliert wurden: Sie sind radikal, weil sie radikal sein wollen, weil sie die schiere Radikalität verlockend finden.“[iii] Unmittelbar fühlt man sich an die Revolutionsromantik der 1960er Jahre erinnert und dies ist von Roy durchaus beabsichtigt. Er schreibt:

 

„Die Revolte wird im Namen einer globalen und virtuellen Gemeinschaft von Unterdrückten geführt: ‚des internationalen Proletariats’ oder ‚der muslimischen Ummah’, obwohl die Beziehung zwischen den Militanten und der jeweiligen Gemeinschaft mehr als angespannt ist.“[iv]

 

Roys prominentester Gegenspieler ist in Frankreich der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel, dessen zahlreiche Publikationen sowohl aktuelle Entwicklungen in der arabischen Welt als auch in den französischen Banlieues thematisieren.[v] Kepel sieht durchaus, dass soziale Marginalität für Extremismen anfällig macht, möchte der ideologischen Komponente des Dschihadismus aber ebenso Geltung verschaffen. Er wirft Roy vor, die gegenwärtige Radikalisierung des Islam auszublenden, und in der Tat kann Roy nicht erklären, welche sozialrevolutionäre Strategie sich hinter einem Selbstmordanschlag verbergen könnte. Roys abschließendes Fazit, dschihadistische Attentäter seien Psychopaten und Todessüchtige, die Gewalt nicht mehr als Mittel zur Erreichung eines Zieles, sondern als ultimatives Ziel an sich verstünden, wirkt wie ein hilfloser Versuch, etwas Unbegreifliches durch Pathologisierung fassbar zu machen. Seine Zukunftsvision ist dennoch oder gerade deshalb erstaunlich optimistisch. Wie sich die 68er-Bewegung aufgelöst habe, weil sie keinen Zugang zur Arbeiterschaft gefunden haben, so werde sich der Dschihadismus wieder verflüchtigen, weil deren Akteure nicht für die Ummah, die islamische Weltgemeinschaft, sprächen, meint Roy. Das ist allerdings wenig wahrscheinlich, wenn man sich empirische Daten aus Europa und außereuropäischen Staaten vor Augen führt.

 

Anders als Kepel hat Roys Theorie die deutsche Debatte explizit und implizit stark beeinflusst. Da ist zunächst die Vorstellung, dass Dschihadismus nichts mit Religion im eigentlichen Sinne zu tun habe. Roy glaubt, dass eine mangelhafte religiöse Bildung bei Dschihadisten immer offensichtlich sei, und diese These wird seit vielen Jahren von deutschen Islamwissenschaftlern und Deradikalisierungsexperten wiederholt. Ein Beispiel, das öffentlichkeitswirksam zur Untermauerung herangezogen wurde, war eine jugendliche WhatsApp-Gruppe, deren Mitglieder 2016 einen Anschlag auf ein Sikh-Heiligtum in Essen verübten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern befasste sich dezidiert mit den versendeten Nachrichten der jungen Attentäter und fand heraus, dass das religiöse Wissen der Jugendlichen rudimentär war.[vi]  Das ist zweifellos richtig, aber kann man diesen Fall generalisieren? Allein sprachlich wird bei den dokumentierten Auszügen aus der internen Kommunikation deutlich, dass die jungen Leute in ihrer Alterskohorte ohnehin eher durch ein unterdurchschnittliches Bildungsniveau aufgefallen sein müssen. Unbestreitbar fanden sich in den Reihen deutscher Dschihadisten immer Personen, die die Tragweite dessen, was sie taten, nicht überblicken konnten, doch dies ist nicht für den modernen Dschihadismus an sich symptomatisch. Roys Revoluzzerthese wurde in Deutschland auf eine gefällige Benachteiligungstheorie verengt und fügt sich mittlerweile geschmeidig in ein Rassismustheorem ein, das zur Standardnarrative der Einwanderungsgesellschaft geworden ist.[vii] Zudem wurde es als Jugendphänomen verharmlost, was darauf hinweist, dass es häufig Pädagogen oder Soziologen waren, die sich dem Phänomen widmeten.[viii]

 

In weiten Teilen der internationalen, aber auch der deutschen Debatte wurde möglichen Hintergründen des islamischen Terrorismus ohnehin kein besonderer Wert beigemessen, da man sich primär darauf konzentrierte, den „Kampf gegen den Terror“ zu kritisieren und Muslime vor einem vermeintlichen Generalverdacht zu schützen.[ix] Die Auffassung, dass Gewalt im Namen des Islam vor allem etwas mit der Ausgrenzung von Muslimen durch die Mehrheitsgesellschaft zu tun habe, wurde populär. Mittlerweile werden dafür selbst in Kreisen der CDU die zweifelhaften Termini des „antimuslimischen Rassismus“ und der „Islamophobie“ verwendet. Das hatte Konsequenzen. Die Kritik an islamistischen Ideologien wurde als tendenziell rassistisch bezeichnet und unter den Verdacht gestellt, „Wasser auf die Mühlen rechter Akteure“ zu gießen. Moralisch akzeptabel sollte allein ein emphatischer Ansatz sein, der Hilfe satt Sanktion versprach. Folgerichtig setzte man verstärkt auf Methoden der Sozialarbeit und der Sensibilisierung für die Belange straffällig gewordener Muslime. Eine Vielzahl von mit Steuergeldern finanzierte Nichtregierungsorganisationen müht sich damit ab, Lehrkräfte und andere Beschäftigte in staatlichen Einrichtungen mit kultursensibilisierenden und antirassistischen Trainings zu erziehen. Die Anzahl derjenigen, die von Sicherheitsdiensten als „Gefährder“ klassifiziert werden, ist trotz all dieser Maßnahmen sowie der militärischen Niederlage des IS nur unwesentlich gesunken, sodass Nachfragen nach den Grundprämissen derjenigen erlaubt sein sollten, die sich als Experten für Prävention und Deradikalisierung verstehen.

 

Im Folgenden sollen die beiden wichtigsten Thesen, die Roy und andere zur Erklärung des islamischen Terrorismus vorlegten, überprüft werden. Die erste behauptet, Dschihadisten seien religiöse Analphabeten und die zweite betont ihren prekären Status, ihre Vulnerabilität und sozio-ökonomische Marginalität. Dazu empfiehlt es sich zu den Ursprüngen der gegenwärtigen Ausprägung des Dschihadismus zurückzukehren, nämlich zum Anschlag auf das Welthandelszentrum am 11. September 2001 und ihren in Hamburg lebenden wichtigsten Akteuren. Dieses wurde in entscheidendem Maß von einer Gruppe arabischer Studenten konzipiert, die mehrere Jahre in Hamburg lebten und sich zusammen auf die Tat vorbereiteten. Drei von ihnen absolvierten zuvor eine Pilotenausbildung in den USA und übernahmen die Steuerung der entführten Flugzeuge.

 

 

Die Piloten vom 11. September und ihre Unterstützer

 

Einer von ihnen war Mohammad Atta, der Sohn eines ägyptischen Rechtsanwaltes. Er gehörte zur fünfköpfigen Gruppe der Entführer der American-Airlines-Maschine, die während des Fluges 11, in den Nordturm des Welthandelszentrums gelenkt wurde und soll der Kopf des Kommandos gewesen sein. Atta wurde im Nildelta geboren. Seine Familie lebte in Giseh bei Kairo und gehörte dem islamistischen Milieu an, das die säkulare Politik des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak ablehnte. Attas Vater gab nach dem Anschlag gegenüber der Presse an, sein Sohn sei vom israelischen Geheimdienst entführt worden. Das Attentat sei nicht von Muslimen, sondern vom israelischen Geheimdienst Mossad durchgeführt worden, um Muslime zu diskreditieren. Attas akademische Laufbahn verlief unspektakulär und erfolgreich. Er studierte Architektur in Kairo und erwarb dort 1990 einen Diplomabschluss. Dann bewarb er sich für ein Studium in Deutschland und wurde angenommen. Von 1992 bis 1999 war er an der Technischen Universität Hamburg-Harburg eingeschrieben und schloss mit einem Diplom im Fach Stadtplanung ab. Bereits 1992 fand er eine gut bezahlte Halbtagsanstellung als Bauzeichner in einem Stadtplanungsbüro in Hamburg-Altona, in dem er vier Jahre lang tätig war. Sein Studium soll er, nach Angaben seiner Dozenten, mit Eifer und Fleiß verfolgt haben. Für seine Diplomarbeit über die Sanierung arabischer Altstädte am Beispiel eines Stadtteils von Aleppo in Syrien erhielt er ein Stipendium der „Carl Duisburg Gesellschaft“. Noch Jahre später wurde ihm von seinem Betreuer eine sehr gute Leistung und eine soziale Herangehensweise an das Problem eines menschenwürdigen Lebens in arabischen Städten bescheinigt. In einem Filmbeitrag des ARD-Magazins „Panorama“ aus dem Jahr 2014 bezeichnete der Dozent den Atta kannte, ihn sogar als Humanisten.[x] Atta war weder diskriminiert, noch gehörte er einer prekären gesellschaftlichen Grupp an. Vielmehr war er ein Mitglied der ägyptischen Oberschicht, das zur weiteren Karriereförderung einen Auslandsaufenthalt einplante, um mit einem dort erworbenen akademischen Titel in der Heimat besser aufgestellt zu sein. Seine Anstrengungen wurden in Deutschland mit Anerkennung und akademischem Erfolg belohnt, sodass klassische Radikalisierungstheorien, wie diejenige von Roy, hier nicht greifen. Für Personen, die ihn kannten, war allerdings auffällig, dass er sich zunehmend als frommer Muslim generierte.

 

Bei einem zweiten Attentäter handelte es sich um Ziad Dscharrah aus dem Libanon, dessen wohlhabende Eltern das Studium des Sohnes im fernen Deutschland mit monatlich 2.000 Dollar unterstützten.[xi] Er steuerte vermutlich das Flugzeug, das bei Pittsburgh abstürzte. Dscharrah lernte zunächst im Studienkolleg in Greifswald die deutsche Sprache und begann 1997 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg-Harburg ein Studium im Fachbereich Flugzeugbau und Flugzeugtechnik. Der Dekan der Hochschule bezeichnete ihn als „sehr religiös“.[xii] Seine ehemalige Vermieterin berichtete nach den Anschlägen von einer Veränderung Dscharrahs, die 1998 begonnen habe. Er habe sich einen Bart wachsen lassen und begonnen viel zu beten. Die damalige Freundin, mit der er seit 1999 zusammenlebte, beklagte sich offenbar über seine zunehmende religiöse Rigidität. Er habe nicht nur verlangt, dass sie ihren Kopf, sondern auch ihre Hände mit Handschuhen bedecke. Bereits zum damaligen Zeitpunkt muss Dscharrah in radikalen Kreisen verkehrt haben. Viele Zeichen deuten darauf hin, dass der Anschlag sich bereits im Zustand einer konkreten Planung befand. Er wolle sich in den USA zum Piloten ausbilden lassen, erfuhr die Vermieterin und die Freundin meldete ihn einmal als vermisst, weil er für einige Zeit verschwand.[xiii]

 

Auch das Flugzeug, das in den zweiten Turm des Welthandelszentrums stürzte, wurde möglicherweise von einem Hamburger Studenten gesteuert. Im Verdacht stand Marwan Mohammed al-Schahi, der mit einem gut dotierten Regierungsstipendium der Streitkräfte der „Vereinigten Arabischen Emirate“ nach Hamburg gekommen war. Wie Atta und Dscharrah stammte al-Schahi aus einer begüterten Familie. Monatlich sollen 3.000 DM auf seinem Konto eingegangen sein. Anders als Atta und Dscharrah habe sich al-Schahi zwar an der Technischen Hochschule in Hamburg-Harburg eingeschrieben, aber offenbar nicht wirklich studiert.

 

Ein viertes Mitglied der Hamburger Gruppe war Said Bahadschi, Sohn eines Marokkaners und einer Deutschen, der an der Technischen Hochschule Hamburg-Harburg Elektrotechnik studierte. Er war für einen Teil der Logistik zuständig, beteiligte sich aber nicht an den Flügen, sondern verschwand kurz vor dem Attentat vermutlich zu al-Qaida in die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan. Ermittler fanden in seiner Wohnung radikal-islamistische Schriften, u. a. von Osama bin Laden. Er hatte einen Newsletter abonniert, in dem Anweisungen für die Vorbereitung gewalttätiger Aktivitäten verbreitet wurden. Über diesen Newsletter existierten Verbindungen in radikal-islamistische Kreise Londons. Bahadschi war verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes. Er und seine Frau sollen ein streng nach islamistischen Normen ausgerichtetes Leben geführt haben. Die Hochzeit habe man in der Hamburger al-Quds-Moschee geschlechtergetrennt und ausschließlich unter Familienangehörigen gefeiert. Die Ehefrau war voll verschleiert und verhüllte sogar ihr Gesicht bis auf die Augen.

 

Als weiterer Komplize Attas wurde der Marokkaner Mounir al-Motassadeq, Sohn eines Arztes aus Marrakesch, zu einer 15-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Al-Motassadeq, von dem der Journalist Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung schrieb, er sei gottesfürchtig und antisemitisch gewesen, hatte Elektrotechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert.[xiv] Im Jahr 2000 soll er in ein dschihadistisches Trainingscamp nach Afghanistan gegangen sein.

 

Die Mitglieder der Hamburger Zelle widerlegen die gern geäußerte Annahme, dass es die Benachteiligten und Abgehängten der deutschen Gesellschaft seien, die in ihrer Verzweiflung zu Terroristen werden. Bis auf Said Bahadschi, der wegen seiner Mutter die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, handelte es sich bei den oben Genannten und auch bei anderen Mitgliedern der Hamburger Zelle um Ausländer.[xv] Das Landesamt für Verfassungsschutz stellte damals fest, dass sich die islamistische Szene zum überwiegenden Teil aus Nordafrika, dem Irak oder Syrien zusammensetzte. Teilweise gerieten die Personen in diesen Zusammenschlüssen bereits in ihren Herkunftsländern wegen radikaler Umtriebe in das Visier von Sicherheitsorganen und beantragten deshalb Asyl in Deutschland. Teilweise wurden sie erst später von radikalen Akteuren angeworben. Ein Beispiel ist Osama A., der Vorsitzender des Islamischen Zentrums in Münster, der für die Radikalisierung der Hamburger Studenten eine besondere Rolle gespielt haben soll. Er hatte 1996 auf dem Frankfurter Flughafen Asyl beantragt und soll Kontakte zu extremistischen Gruppen in Ägypten unterhalten haben, die wiederum mit Osama bin Laden verbunden waren. Islamischer Extremismus war in seinen Anfängen ein importiertes Phänomen. Deutschland war für sie eine komfortable Ruhezone, um internationale Strukturen aufzubauen und Gewalttaten vorzubereiten.

Die Männer, die die Anschläge des 11. Septembers 2001 organisierten und umsetzten, gehörten in ihren Heimatländern zudem mehrheitlich der reichen Oberschicht an. In Deutschland waren sie ebenfalls keine marginalisierten Underdogs. Die mehr als üppigen finanziellen Zuwendungen, die sie von ihren Familien erhielten, machten sie zu einer ökonomischen Elite innerhalb der Studentenschaft. Trotz dieser bekannten Tatsachen, dominierte in den folgen 25 Jahren, die in allen westlichen Ländern durch islamistische Anschläge geprägt war, die irrige These, islamistischer Extremismus sei primär eine Folge ökonomischer Marginalisierung und sozialer Diskriminierung.

Der Artikel basiert auf leicht veränderten Passagen aus:

 

Schröter, Susanne (2021): Paradiesjungfrauen, Weltentsagung und das Sterben für Gott – die Hamburger Zelle des Dschihadismus. In: Kostner, Sandra/Elham Manea, Hg.: Lehren aus 9/11. Der Umgang des Westens mit dem Islamismus.

 

[i] Olivier Roy (2010): Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. München: Siedler.

[ii] Olivier Roy (2017): „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors. München: Siedler.

[iii] Roy (2010): 70.

[iv] Roy (2010): 107.

[v] Vgl. u. a. Kepel Gilles (2016): Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa. München: Kunstmann; Kepel, Gilles (2009): Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte. München: Piper.

[vi] Kiefer, Michael et al (2018), „Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen.“ Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe. Wiesbaden: Springer VS.

[vii] Vgl. beispielsweise einen Artikel des Präventionsanbieters ufuq: Sindyan Qasem, Erfahrungen von Rassismus als Radikalisierungsfaktor. Ein (Gegen)Beispiel, in https://www.ufuq.de/erfahrungen-von-rassismus-als-radikalisierungsfaktor-ein-gegen-beispiel/ (abgerufen am 2.6.2021).

[viii] El-Mafaalani, Aladin (2014): Salafismus als jugendkulturelle Provokation. Zwischen dem Bedürfnis nach Abgrenzung und der Suche nach habitueller Übereinstimmung, in Thorsten Gerald Schneiders (Hg.), Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung. Bielefeld: Transcript, S. 355-362.

[ix] Vgl. u a. Abu-Lughod Lila (2002): Do Muslim women really need saving. Anthropological reflections on cultural relativism and ist others, in: American Anthropologist 104, 3: 783-790.

[x] https://www.ardmediathek.de/video/panorama/todespilot-atta-die-andere-seite-der-bestie/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS9lZTdkYjA4ZS05MzY4LTQyOWQtYmQyMy00YzBjYjc5M2ZkNTI/ (abgerufen am 2.6.2021).

[xi] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20184253.html (abgerufen am 2.8.2017).

[xii] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/20184253 (abgerufen am 1.6.2021).

[xiii] a.a.O.

[xiv] http://www.sueddeutsche.de/politik/mounir-el-motassadeq-gottesfuerchtig-und-sittenfest-1.799717 (abgerufen am 2.8.2017).

[xv] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/73529/islamisten_im_fokus_die_strukturelle_zusammensetzung_des_islamistischen_personenpotenzials_in_hamburg_zwischen_2000_und_2020.pdf (abgerufen am 3.6.2021)

Susanne Schröter

Sterben für Gott. Terror als religiöser Auftrag

Lesezeit: 15 Minuten
 © Susanne Schröter, September 2026.
Alle Rechte vorbehalten.

Islamistischer Terrorismus wird nicht nur fälschlicherweise als Folge von Diskriminierungserfahrungen missinterpretiert, sondern es ist auch populär zu behaupten, Dschihadisten gehe es nicht um die Religion. Der Anschlag des 11. September 2011 zeigt allerdings deutlich, dass der primäre Antrieb der Attentäter aus ihren religiösen Überzeugungen und der Hoffnung resultierte, ihre Tat sei gottgefällig. Sie glaubten sogar, sie würden nach dem Tod von Allah belohnt und im Paradies von verführerischen Paradiesjungfrauen empfangen.

Das Vermächtnis des Mohammed Atta

Mohammed Atta war einer der Flugzeugentführer, dessen Motivationen durch von ihm verfasste Texte, die nach dem Anschlag in einer Reisetasche gefunden wurden, gut belegt sind.

Sie zeigen unmissverständlich, dass Atta ein zutiefst religiöser und religiös gebildeter Mensch war. Bei einem Text handelt es sich um seinen letzten Willen. Es stellt eine Anweisung dar, wie nach seinem Tod mit dem Körper zu verfahren sei und beginnt nach einer kurzen Erklärung mit seinem Glaubensbekenntnis[i]:

„Ich glaube, dass Mohammed Gottes Gesandter ist, und habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Zeit kommen wird, da Gott alle Menschen aus ihren Gräbern wiederauferstehen lässt. Ich wünsche, dass meine Familie und jeder, der dies hier liest, den allmächtigen Gott fürchtet und sich nicht durch das Leben ablenken lässt; dass sie Gott fürchten und ihm und seinem Propheten nacheifern, wenn sie denn wahre Gläubige sind. Zu meinem Angedenken sollten sie sich verhalten nach dem Vorbild (des Propheten) Abraham, der seinem Sohn auftrug, als guter Muslim zu sterben.“

Danach folgen achtzehn Punkte, in denen diejenigen, die mit den islamischen Totenritualen befasst sind, detailliert erfahren, was Atta wünscht und verbietet. Der Text ist in einem autoritären Befehlston gehalten, was zu den Beschreibungen passt, die Personen bei Interviews angaben, die ihn gekannt hatten. Sein ehemaliger Fluglehrer gab an, er habe sich Anleitungen widersetzt, sich verhalten, als sei er der Fluglehrer und erst nachgegeben, als sein Rauswurf drohte. Einige Passagen des Vermächtnisses betreffen Personen, die sich um seinen Leichnam und um die Beerdigung kümmern sollen. Diejenigen, die den Körper aufbahren, sollen gute Muslime sein, da dies eine Empfehlung seiner eigenen Person bei Gott im Hinblick auf die Vergebung seiner Sünden sei. Sie sollen ihn neu kleiden, ihm die Augen schließen und dafür beten, dass er zum Himmel aufsteige. Allerdings solle niemand, der zu Lebzeiten nicht mit ihm auskam, von ihm Abschied nehmen. Das Gleiche gilt für „unreine Personen“ und schwangere Frauen.

Frauen sind gleich in drei Abschnitten erwähnt, und dabei geht es immer um ihren Ausschluss. Sie sollen nicht für seinen Tod Abbitte leisten und nicht bei der Beerdigung anwesend sein. Nach dem Begräbnis ist es ihnen untersagt, zu seinem Grab zu gehen. Dies entspricht einer islamischen Tradition. Einer der Gründe ist die Angst, nichtislamischen Praktiken Vorschub zu leisten, wie sie zurzeit Mohammeds üblich waren. So ist es auch zu verstehen, dass auf das Verbot der Abbitte durch Frauen der Satz folgt:

„Ich bin nicht verantwortlich für Tieropfer vor meinem aufgebahrten Leichnam – das widerspricht den Lehren des Islam.“

Auch eine andere Passage möchte unislamischen Handlungen vorbeugen. So heißt es:

„Bei der Beerdigung soll niemand Sprüche auf Papier niederschreiben, die man dann als Talisman in der Tasche herumträgt. Das ist ein Aberglaube. Besser soll die Zeit genutzt werden, um zu Gott zu beten.“

Es folgen genaue Anweisungen, wie die Totenwaschung zu vollziehen ist, wie die Totenkleidung beschaffen sein soll, wie der Körper ausgerichtet und gebettet werden soll, die allesamt dem üblichen islamischen Beerdigungsritus entsprechen. Ähnliches gilt auch für die Gebete für sein Seelenheil, die mehrfach angeordnet werden. Eine Besonderheit, die ihn als strenggläubigen islamischen Fundamentalisten ausweist, ist folgende Aufforderung:

„Niemand soll meinetwegen weinen, schreien oder gar seine Kleider zerreißen und sein Gesicht schlagen – das sind törichte Gesten.“

Das Trauerverbot resultiert aus der theologischen Annahme, dass das irdische Leben nur eine Prüfung und der Tod das Tor zum wirklichen Leben im Paradies sei. In der kulturellen Realität halten sich die Hinterbliebenen jedoch oft nicht daran.

Den letzten Teil des Testaments nehmen Angaben über die Verteilungsregeln seines Besitzes ein. Den Schluss bildet eine Aufforderung zur Frömmigkeit:

„Diejenigen, die ich zurücklasse, sollen gottesfürchtig sein und sich nicht von den Dingen, die das Leben bietet, etwas vorgaukeln lassen – stattdessen sollen sie zu Gott beten und gute Gläubige sein. Wer den Anweisungen des Testaments nicht entspricht oder den Geboten der Religion zuwiderhandelt, wird dafür letztendlich zur Verantwortung gezogen.“

Das Testament weist Atta als gottesfürchtigen Asketen aus und keinesfalls als einen Menschen, dem es an Wissen über seine Religion mangelt. Dass er und die anderen Piloten aus seiner Gruppe nach einer geistlichen Anleitung handelten, beweist ein weiteres Dokument, das in der Reisetasche gefunden wurde. Es wird vermutet, dass Atta ebenfalls der Autor war. Dieser, in arabischer Sprache verfasste Text, diente als praktischer und spiritueller Fahrplan für die Attentate. Eine Kopie wurde im Auto von Nawaf al-Hazmi gefunden, der mit vier Kumpanen die American Airlines-Maschine von Flug 77 entführte, die ins Pentagon gelenkt wurde. Eine Übersetzung ins Deutsche wurde von Albrecht Fuess, Moez Khalfaoui und Tilman Seidensticker in einem vom Bremer Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg und dem Jenaer Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker herausgegebenen Sammelband publiziert.[ii]

 

Ein Attentat nach dem Vorbild frühislamischer Kriegsführung

Der Anschlagsplan, eine bis ins Einzelne ausbuchstabierte Choreographie, beinhaltet praktische, aber vor allem religiöse Anweisungen. Sie ist in drei Etappen unterteilt und beginnt mit der Nacht vor dem Attentat. Die Attentäter werden angewiesen, den Körper und die Seele auf das Ereignis vorzubereiten. Dazu gehören die große Waschung, das Rasieren der Körperhaare und das Parfümieren. Sie werden ermahnt, auf ihre Koffer, Papiere und Ausrüstungen zu achten und die Waffen zu prüfen. Explizit wird von dem Messer als Tatwaffe gesprochen und eine Prophetenüberlieferung über das Schlachten zitiert. In der Nacht sollen die Attentäter wachen, beten und den Koran rezitieren. Explizit wird auf mögliche schwierige Situationen hingewiesen, die im Vorfeld positiv antizipiert werden:

„Richte dein Augenmerk darauf, wie du agierst, wenn du in eine schwierige Lage gerätst, wie du dort standhältst und immer wieder bestehst. Und wisse, daß das, was dir zugestoßen ist, dich nicht verfehlen konnte, und das, was dich verfehlt, dir nicht zustoßen konnte, und dass diese Prüfung von Gott – und er ist erhaben und groß – stammt, um deinen Rang zu erhöhen und dir für deine Sünden Sühnung zukommen zu lassen. Darüber hinaus wisse, dass dies nur einige Augenblicke dauern wird und damit mit Gottes Erlaubnis schnell vergehen wird. Glückwunsch dem, der der großen Belohnung Gottes teilhaftig wird. Er, der Erhabene spricht: ‚Oder meint ihr, ihr würdet ins Paradies eingehen, ohne daß Gott zuvor diejenigen von euch, die um seinetwillen Krieg geführt haben, in Erfahrung gebracht hat.“

Zur seelischen Ertüchtigung gehört der Appell an den „unbedingten Gehorsam“ und das Beschwören der zukünftigen Glückseligkeit:

„Sei heiter, denn zwischen dir und deiner Hochzeit liegen nur wenige Augenblicke, mit denen das glückselige, gottgefällige Leben und die ewige Gnade des Propheten, den Rechtschaffenden, den Märtyrern und den Frommen beginnt.“

Die Geringschätzung des Irdischen gegenüber dem Jenseits wird betont:

„Reinige dein Herz und säubere es von Makeln und vergiß oder ignoriere etwas, dessen Name Welt ist. Die Zeit des Spielens ist vorbei, es ist die wahre Verabredung gekommen. Wie viel Zeit unseres Lebens haben wir vergeudet.“

Die zweite Etappe handelt vom Weg zum Flughafen und dem Verhalten der Attentäter im Terminal. Sie werden ermahnt, unablässig den Koran zu rezitieren, schweigend zu beten, Vertrauen in Gott zu haben und furchtlos zu sein. Nur Gott habe ein Recht darauf, gefürchtet zu werden. Mögliche Anspannungen und vielleicht sogar aufkommende Zweifel unmittelbar vor der Tat werden mit dem Verweis auf kommende Glückseligkeiten relativiert:

„Zeige keine Anzeichen der Verwirrung und nervlicher Anspannung, sondern sei froh, glücklich, heiter und zuversichtlich, weil du eine Tat ausführst, die Gott liebt und die er gutheißt. Danach wird der Tag kommen, den du mit Gottes Erlaubnis mit den schwarzäugigen Jungfrauen im Paradies verbringen wirst.“

Die dritte Etappe beginnt mit dem Besteigen des Flugzeugs und endet mit dem Tod. Wieder werden Gebete gegen die Unsicherheit empfohlen, wieder wird die Tat gerechtfertigt. Auch die Verheißung der Jungfrauen wird wiederholt:

„Und wisst, dass sich die Paradiese für euch bereits mit ihrem schönsten Schmuck geschmückt haben und die Paradiesjungfrauen nach euch rufen: ‚Oh komm herbei, du Freund Gottes!’ Dabei tragen sie ihre schönste Kleidung.“

Im Sammelband von Kippenberg und Seidensticker wurde der Text von Religions- und Islamwissenschaftlern analysiert und Bezüge zu islamischen Traditionen, theologischen Texten und radikalen Gelehrten wie Hasan al-Banna und Sayyid Qutub hergestellt. Der Religionswissenschaftler Bruce Lincoln fasste die Erkenntnis, die von den anderen Autoren geteilt wurde, folgendermaßen zusammen: Auch wenn man die Attentäter gern als Verkörperung des unmoralischen Bösen sähe, so sei doch unzweifelhaft, dass ihre Motive „zutiefst religiös“ seien.[iii] Der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker definiert 10 % des Textes als nicht primär religiös, während 90 % einen religiösen Inhalt habe. Zu den 10 % nicht primär religiöser Passagen zählt er „religionsneutrale“ pragmatische Anweisungen, mentale Vorbereitungen sowie Anleitungen zu „religiös gefärbten“ Handlungen, die auch kultischer Natur sein können.[iv] Darunter fällt die oben erwähnte Check-Liste in Bezug auf die Ausrüstung ebenso wie Bekleidungsregelungen, die einerseits praktischer Art sind, andererseits aber mit der islamischen Tradition begründet werden. Ein typisches Beispiel ist folgendes:

„Straffe deine Kleidung sehr gut. Denn dies ist die Vorgehensweise der rechtschaffenden Muslime aus der Frühzeit – Gott möge sein Wohlgefallen an ihnen haben. Diese strafften ihre Kleidung vor dem Kampf. Danach schnüre deine Schuhe gut und trage Socken, damit du im Schuh Halt hast und nicht herausrutscht. All diese Dinge sind Vorkehrungen, die uns befohlen werden.“

Diese Textpassage endet mit einem Koranzitat. Die von Seidensticker bemerkte Religionsneutralität, das Straffen der Kleidung, das Schuhe-Binden und das Socken-Tragen wird also auf die islamische Tradition zurückgebunden, die den Attentätern selbst bei diesen profanen Handlungen als Vorbild dienen soll. Atta und seine Glaubensbrüder bewegen sich damit vollständig, selbst hinsichtlich ihrer wertneutralsten Verrichtungen, dem Schuhe-Binden und Socken-Anziehen, in einer religiös aufgeladenen Sphäre. Dies trifft auch auf die Religionsneutralität der mentalen Vorbereitungen zu. Seidensticker ordnet ihnen etwa 4 % des Textes zu, gibt aber einschränkend an, dass es schwer ist, sie überhaupt aus dem „religiös imprägnierten Ko-Text“ herauszulösen. Die letzte Kategorie der nicht primär religiösen Textinhalte bezieht sich allesamt auf rituelle islamische Handlungen wie Waschungen oder Gebete. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive müssen diese nicht primär religiösen Passagen daher auch als religiös bezeichnet werden.

Albrecht Fuess, der eine Professur für Islamwissenschaften an der Universität Marburg innehat, vergleicht die „Geistliche Anleitung“ mit klassischen islamischen Schlachtreden. Hinsichtlich der Verwendung von Koranzitaten und Verweisen auf die Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed bezeichnet er sie als „typische hutba“, also als Predigt. Sie enthalte aber auch weitere religiöse Elemente wie Gebete oder die Aufforderung, den Angriffsakt im Flugzeug mit dem einem lauten „Allahu Akbar“ zu beginnen, da dies Angst bei den Ungläubigen hervorrufe. In der islamisch-politischen Rede, so Fuess, sei der Rückbezug auf die glorreiche Vergangenheit der islamischen Frühzeit ein gern verwendetes Stilmittel. Dabei verschwänden zeitliche Realitätsebenen und die Ereignisse der Vergangenheit vermischten sich mit denen der Gegenwart der Attentäter. Ein Unterschied zu den beschworenen Kämpfen Mohammeds und seiner Gefährten sowie der frühen Muslime gäbe es jedoch, meint Fuess: eine Rückkehr der Kämpfer aus dem Kampf sei nicht mehr vorgesehen, sondern gänzlich ausgeschlossen.

 

Auffällig ist die zweifache Bezugnahme der ‚Geistlichen Anleitung’ auf die Paradiesjungfrauen, die den Märtyrer bei seiner Ankunft begrüßen. Moez Khalfaoui, Professor für Islamisches Recht an der Universität Tübingen, hat sich in einem 2006 erschienen Aufsatz dezidiert mit diesem Aspekt befasst und dabei auch den Gelehrten al-Ghazali aus dem 11. Jahrhundert referiert, die das Paradies als Lebensraum der Paradiesjungfrauen weiter ausschmückt. „Die Schönheit des Paradieses“, so Khalfaoui, „besteht vor allen Dingen aus Jungfrauen.“ Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen auch die Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker und Andrea Novak aus Wien.[v] Sie seien die Belohnung für denjenigen, der sein Leben für Gott geopfert hat. Khalfaoui erwähnt, dass der aktive Part betont wird, mit dem die Jungfrauen auf den Belohnten zugehen. Dies sei einem modernen Frauenbild geschuldet, das Atta und andere radikale Muslime gewöhnlich verurteilen.

Nimmt man die beide auf Atta zurückgehenden Texte zusammen, so offenbart sich ein auffälliger Unterschied zwischen den Frauen der realen Welt, von der der Dschihadist Abstand nimmt, ignoriere etwas, „dessen Name Welt ist.“ und die er noch nicht einmal an seinem Grab sehen möchte, und denjenigen, die ihn mit erotischem Zauber (schwarzäugig, mit ihrem schönsten Schmuck geschmückt) in der Ewigkeit begrüßen. Gerade für den Dschihadismus, der sich durch eine strenge Interpretation islamischer Texte und eine asketische Praxis auszeichnet, könnte man daher die These aufstellen, dass es gerade der Verzicht auf irdische Vergnügungen, besonders in sexueller Hinsicht, ist, der einen Mann berechtigt, diesen Vergnügungen auf einem höheren Niveau in Ewigkeit nachzugehen. In der dschihadistischen Populärkultur, d.h. in Videos, Liedtexten und Ansprachen nimmt die Vorstellung, nach dem Tod im Kampf, unmittelbar zu den himmlischen Jungfrauen zu gelangen, einen großen Raum ein. Sie stellt eine wichtige Motivation für das Opfer des eigenen Lebens dar.

 

Theologische Rechtfertigungen des Dschihad

 

Die religiöse Rechtfertigung von Gewalt gegen vermeintlich Ungläubige hat in der islamischen Geschichte eine lange Tradition. Ja, sie ist mit dieser Geschichte sogar ursächlich verknüpft. Schon die Frühzeit wurde von militärischen Auseinandersetzungen gegen Nichtmuslime und von Gewalt in den eigenen Reihen geprägt, und Mohammed selbst nutzte nicht nur das Wort, sondern auch das Schwert, um seine religiösen und politischen Ziele durchzusetzen.[vi]

Im Jahr 622 musste er mit einigen Getreuen aus Mekka in die Stadt Yatrib fliehen, die heute unter dem Namen Medina bekannt ist. Dort wurde er, der zuvor weder eine nennenswerte politische noch spirituelle Bedeutung hatte, zum anerkannten Religionsstifter und zum politischen Führer. Das war einerseits seinem individuellen Geschick bei der Vereinigung disparater Stämme, andererseits aber dem Umstand geschuldet, dass er bereit war, Gewalt gegen diejenigen anzuwenden, die sich ihm nicht unterwerfen wollten.[vii] Mohammed und seine Miliz überfielen Karawanen, führten mehrere Kriege gegen Mekka und eroberten die Stadt schließlich. Aus dieser Zeit resultieren die Texte, die Mohammed Atta für seine Anleitungen nutzte. Daher stellt sich die Frage nach dem theologischen Ursprung des Dschihads. Die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer ist überzeugt, dass sich der islamische Glaube in gemeinschaftlichen und gemeinschaftsbildenden Riten und Praktiken niederschlug. Dazu zählte ihrer Ansicht nach auch der Dschihad „als bedingungsloser Einsatz für die Sache Gottes, der auch den bewaffneten Kampf gegen seine Feinde miteinschloss. In diesem Sinne diente der Jihad von frühester Stunde an als positiver Glaubensbeweis.“[viii]

 

Das lässt sich auch an koranischen Versen ablesen, die die Legitimität des Tötens von Andersgläubigen legitimieren. In Vers 9: 5 heißt es: „Sind die heiligen Monate abgelaufen, dann tötet die Beigeseller, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie, und lauert ihnen auf aus jedem Hinterhalt!“,[ix] in Vers 9: 29:  „Kämpft gegen die, die nicht an Gott glauben, die das was Gott und sein Gesandter verboten haben, nicht verbieten und die nicht der Religion der Wahrheit angehören“.[x] Wenn heutige Dschihadisten Gewalt gegen Nichtmuslime rechtfertigen möchten, können sie sich daher durchaus auf eine gängige theologische Interpretation des Korans berufen. Auch die islamischen Überlieferungen sind reich an Beispielen, die den Märtyrer, der für die Sache Gottes gefallen ist, preisen und den Dschihad als Notwendigkeit darstellen. „Der Dschihad ist Grundpfeiler und höchste Verwirklichung des Islam“, heißt es in einem Hadith aus dem frühen achten Jahrhundert. [xi] 

 

Muslimische Führer haben weltliche Eroberungskriege aus diesem Grund häufig als heilige Kriege bezeichnet, ganz unabhängig davon, ob sie selbst religiös waren oder nicht. Im 20. Jahrhundert zeichnete sich allerdings eine neue Form des Dschihad-Diskurses ab. Dabei ging es um Kämpfe gegen politische Herrscher, denen man mangelnde Religiosität vorwarf. Dies sind die Anfänge des Salafismus, wie wir ihn heute kennen, aber auch der Muslimbruderschaft, die bereits kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1928 einen gewalttätigen Apparat ausbildete, der Anschläge durchführte.[xii] Aus einem Kampf gegen die eigene nationale Elite, den so genannten „nahen Feind“ wurde in den 1970er Jahren ein internationaler Kampf, der sich auch gegen einen „fernen Feind“ wie die USA oder ganz allgemein „den Westen“ richtete.[xiii] Dabei wurde der Dschihad neu definiert. Er war jetzt nicht mehr allein eine gottgefällige Handlung, sondern eine Pflicht für den Gläubigen.[xiv] Daran orientierten sich die Dschihadisten von al-Qaida ebenso wie diejenigen des „Islamischen Staates“, die in ihren Verlautbarungen akribisch versuchten, Folter, Mord und Sklaverei mit Koranversen oder Verweisen auf Mohammed zu legitimieren und als gottgefällig darzustellen.

Die Hamburger Zelle ist ein Beispiel für terroristische Akteure, die aus religiösen Motiven heraus handelten. In Deutschland waren sie in eine bereits existierende islamistische Infrastruktur eingebunden. Diese Infrastruktur, bestehend aus Moscheen, Personen und islamischen Vereinigungen war den Sicherheitsorganen der Bundesrepublik bekannt. Noch immer existieren Milieus und Einrichtungen, in denen radikales Gedankengut verbreitet wird, noch immer ist die Anzahl von Muslimen hoch, die als „Gefährder“ gelten.

Der Artikel basiert auf leicht veränderten Passagen aus:

 

Schröter, Susanne (2021): Paradiesjungfrauen, Weltentsagung und das Sterben für Gott – die Hamburger Zelle des Dschihadismus. In: Kostner, Sandra/Elham Manea, Hg.: Lehren aus 9/11. Der Umgang des Westens mit dem Islamismus. Stuttgart: ibidem, S. 31-50

 

[i] Die Zitate sind einer Dokumentation der Zeitschrift „Spiegel“ vom 30.9.2001 entnommen: https://www.spiegel.de/politik/im-namen-gottes-des-allmaechtigen-a-bcc2a090-0002-0001-0000-000020240157 (abgerufen am 2.6.2021).

[ii] Fuess, Albrecht/ Moez Khalfaoui/ Tilman Seidensticker (2004): Die ‚geistliche Anleitung’ der Attentäter des 11. September. In Kippenberg, Hans G./Tilman Seidensticker (Hg.): Terror im Namen Gottes. Die ‚Geistliche Anleitung’ der Attentäter des 11. September 2001. Frankfurt: Campus.

[iii] Lincoln, Bruce (2004): Die Meditationen des Herrn Atta, 10. September 2001: Eine genaue Textlektüre. In: Kippenberg, Seidensticker (2004): 50.

[iv] Tilman Seidensticker (2004): Die in der ‚Geistlichen Anleitung’ gegebenen Anweisungen. In: Kippenberg, Seidensticker, S. 29-38.

[v] Lohlker, Rüdiger/Andrea Nowak (2009): Das islamische Paradies als Zeichen. Zwischen Märtyrerkult und Garten, in Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 99: 202.

[vi] Krämer, Gudrun (2005): Geschichte des Islam. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 25.

[vi] Bobzin, Hartmut (2015): Der Koran. München: Beck, 2005: 22ff.

[vii] Vgl. Reichmuth, Stefan (2010): Jihad – Muslime und die Option der Gewalt in Religion und Staat. In: Schneiders, Thorsten G. (Hg.): Islamverherrlichung. Wiesbaden: Springer VS, S. 189.

[viii] Krämer (2005): 25.

[ix] Bobzin, Hartmut (2015): Der Koran. München: Beck, S. 160.

[x] Bobzin (2015): 162.

[xi] Lohlker, Rüdiger (2014): Salafismus. Der Aufstand der Frommen. München: Beck, S. 16.

[xii] Vgl. Schröter, Susanne (2019): Politischer Islam. Stresstest für Deutschland. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 26ff.

[xiii] Vgl. Steinberg, Guido (2005): Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrors. München: Beck.

[xiv] Vgl. Ourghi, Mariella (2010): Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt. Einzelstimmen, Revisionen, Kontroversen. Würzburg: Ergon.

bottom of page